Der Weg in die Lübbenauer Zweigstelle der Großräschener Kanzlei von Thomas Lange ist nicht leicht zu finden. Kein Schild im Erdgeschoss des kleinen Einkaufszentrums weist den Weg hinauf in die fast leer stehende erste Etage. Dort hat sich Lange vor eineinhalb Jahren einquartiert. "Die Räume in Großrä-schen waren zu klein", sagt Lange, und ein Hinweisschild brauche er nicht. Wo sein Büro sei, spreche sich herum.

In seiner Lübbenauer Niederlassung hat er viel Platz für Akten. Sechs säulenförmige Ständer mit jeweils sechs Etagen für Ordner füllen allein fast einen Raum. In Langes Arbeitswelt geht es weniger um das Feilen an ausgefallenen juristischen Problemen. Es geht eher um Menge und Langes Grundüberzeugungen: Nahezu alle Hartz-IV-Bescheide seien falsch und die Regelsätze ohnehin zu niedrig.

Deshalb, so räumt er unumwunden ein, beklage er alle Bescheide seiner Mandanten. "Ich gehe hier relativ verbissen vor", sagt er. Das Ergebnis sind 5200 neue Aktenzeichen, die im vorigen Jahr in seiner Kanzlei vergeben wurden, die sich zu 90 Prozent mit Hartz-IV-Streitigkeiten befasst. "Nicht alles sind Klagen", schränkt Lange ein.

Der 42-Jährige, der in Altdöbern zur Welt kam, wirkt äußerlich nicht wie ein verbissener Kämpfer. Sein Lächeln hinter den runden Brillengläsern mit schwarzem Metallrand wirkt sogar etwas unsicher. Doch sein juristischer Kampf gegen Hartz-IV-Bescheide reicht aus, um seit zwei Jahren in Brandenburg für Aufsehen zu sorgen und eine Personalaufstockung am Sozialgericht Cottbus auszulösen. Denn aus dem Oberspreewald-Lausitz-Kreis gehen etwa zehnmal so viele Hartz-IV-Verfahren ein wie aus vergleichbaren Regionen.

Das Sozialgericht Cottbus ist für ganz Südbrandenburg zuständig. Während bei anderen Sozialgerichten die Zahl der Hartz-IV-Verfahren inzwischen sogar leicht sinkt, sorgt Lange dafür, dass sie in Cottbus einen Spitzenplatz belegen. Mehr 7100 neue Vorgänge wurden 2012 registriert. 25 Prozent mehr als im Vorjahr.

Drei Viertel davon kämen aus der Kanzlei von Thomas Lange, schätzt Gerichtssprecher Klaus Westerberg. Mehr sagt er nicht: "Wir äußern uns nicht zur Arbeit von Herrn Lange." Der wiederum verteidigt seinen Feldzug gegen die Jobcenter: "Ich bin nur derjenige, der klagt, ich mache nicht die falschen Beschlüsse."

Trotz der großen Verfahrenszahl verdient Lange nach eigenen Angaben weniger als viele seiner Kollegen. Verfahren am Sozialgericht sind gebührenfrei und damit ohne finanzielles Risiko für die Kläger. Nur die Anwaltskosten fallen an. Doch von fast allen seiner Mandanten sei kein Honorar zu erwarten, sagt Lange. "Mich bezahlt das Jobcenter", erklärt er.

Der Anwalt reicht für seine Mandanten Widersprüche beim Jobcenter ein. Auch dafür steht ihnen anwaltlicher Beistand zu. Haben die keinen Erfolg, folgt die Klage. Etwa die Hälfte der gerichtsanhängigen Verfahren Langes sind jedoch Untätigkeitsklagen, weil das Jobcenter vorgeschriebene Fristen für Entscheidungen nicht einhält. Diese machen einen großen Teil seiner gewonnenen Verfahren aus. Für jede erfolgreiche Klage muss ihm das Jobcenter rund 57 Euro Anwaltsgebühren erstatten.

Durch die Masse seiner Widersprüche sorge Lange selbst dafür, dass die Fristen überschritten würden, beklagt dagegen der Chef der Arbeitsagentur Cottbus, Heinz-Wilhelm Müller: "Das bindet Kapazitäten und wir haben nicht das Geld, um in Größenordnungen dafür zusätzliches Personal einzustellen." Gerade im Oberspreewald-Lausitz-Kreis, dem Schwerpunkt von Langes Wirken, liege die Bearbeitungsleistung über dem Bundesdurchschnitt.

Müller räumt ein, dass es das Recht der Betroffenen sei, gegen jeden Bescheid Widerspruch einzulegen und auch zu klagen. "Ob das auch sinnvoll ist, entscheiden die Leute selbst." Dass bei den Bescheiden auch Fehler gemacht werden, bestreitet Müller nicht. Doch den Vorwurf, dass Hartz-IV-Beziehern im großen Stile Unrecht getan werde, weist er entschieden zurück: "Hier gibt es keine Willkür und hier wird auch nicht Recht gebeugt." Sein juristischer Feldzug gegen Hartz-IV-Bescheide hat Thomas Lange auch Beschwerden bei der Anwaltskammer und einige Strafanzeigen gegen ihn eingebracht. Gerade, so sagt er mit spürbarer Zufriedenheit, habe die Anwaltskammer ihm die Einstellung der dort anhängigen Verfahren mitgeteilt. "Die Anschuldigungen gegen mich waren alle Blödsinn", freut sich Lange.

Er will weitermachen. Die Arbeit müsse nur besser organisiert werden: "Wir müssen effektiver werden." Demnächst will er eine zweite Bürokraft einstellen und eine weitere Niederlassung in Forst eröffnen. Der Anwalt ist sich sicher, auch dort viele Mandanten zu finden: "Da gibt es dieselben Probleme."