Doch der Regierung in Paris bereitet der Vorsitzende von Frankreichs größter Studentenorganisation Unef schlaflose Nächte. Denn der 25-Jährige ist treibende Kraft an der Spitze der Bewegung gegen die Lockerung des Kündigungsschutzes, die Hunderttausende auf die Straße treibt.
Julliards Handy hört dieser Tage nicht mehr auf zu klingeln. "Eine Diskussionsrunde um 18.30 Uhr? Hab' ich schon drei mal gemacht, aber o.k.", sagt er, während er an der Universität von Créteil bei Paris seinen ersten Kaffee trinkt. Kurz darauf noch ein Fernsehsender: "Einverstanden." Als nächstes ein Fotograf, der einen Termin für Bilder abmachen will. Um zehn Uhr verteilt Julliard Flugblätter für eine Vollversammlung. "Das ist wichtig, kommt", drängt er. Ein Kommilitone spricht ihn an: Sein Kurs sei noch nicht richtig mobilisiert, klagt er dem Unef-Chef. "Aber die mögen dich doch", erwidert der. "Steig' auf den Tisch und sag' ihnen, dass sie alle morgen zur Demo kommen sollen." Privatleben habe er keines mehr, sagt Julliard und fügt gleich an: "Alle, die sich engagieren, arbeiten Tag und Nacht." Dem Jurastudenten, dessen Markenzeichen Rollkragenpullover in gedeckten Farben sind, ist seine landesweite Berühmtheit nicht zu Kopf gestiegen. Er sieht sich als Moderator und nimmt die eigene Person zurück. "Man muss der Bewegung dienen, die sich im Laufe der Wochen verändert", sagt Julliard, der mit seiner Wahl zum Unef-Vorsitzenden im Juli aus der Sozialistischen Partei ausgetreten ist. "Ich versuche, das darzustellen, was die Mehrheit denkt." Dabei ist Julliards Wortwahl in den vergangenen Wochen härter geworden. Häufig ist inzwischen von "Enttäuschung" und "Wut" die Rede. Vor allem Bildungsminister Gilles de Robien muss einstecken: "Lügner", "Betrüger" oder "Pyromane" wurde er von Julliard schon genannt.
Doch wirklich gefährlich für die Regierung ist der Unef-Chef, wenn er hinter den Kulissen kühl und zielstrebig daran arbeitet, die Bewegung am Laufen zu halten. Am Montag drängte er die zögernden Gewerkschaften, für den nächsten Protesttag auch Streiks auszurufen, um "zu einer höheren Stufe der Mobilisierung überzugehen". Der Aufruf zum Generalstreik wurde es dann nicht, aber breit gefächerte Arbeitsniederlegungen wird es am 28. März geben.
Trotz der anschwellenden Protestwelle sieht Julliard keine wirklichen Parallelen zur Studentenbewegung vom Mai 1968. "Die Bedingungen und Ursprünge sind heute ganz andere." Lediglich im Ergebnis gebe es Ähnlichkeiten: "den Willen einer großen Zahl von Jugendlichen, die Gesellschaft abzulehnen, die zurzeit errichtet wird".