Hinter dem verschlossenen Eingangstor des ehemaligen Militärflugplatzes in Groß Schacksdorf (Spree-Neiße) bietet sich ein Bild des Verfalls: Gebäude mit eingeschlagenen Scheiben, wucherndes Unkraut. Dazwischen leuchtet hell das Haus der Umgebinde Erziehungsgesellschaft mbH. Früher Kaserne, dann Förderschule, ist das sanierte Gebäude seit über einem Jahr ein Platz für besonders schwer erziehbare Jungen aus ganz Deutschland. Sie werden von Jugendämtern mit Einverständnis ihrer Eltern hier eingewiesen.

Wo vor 20 Jahren Jagdflugzeuge in den Himmel schossen, sollen sie lernen, den Weg in ein selbstständiges und straffreies Leben zu finden. Fast jeder von ihnen hat schon dicke Polizeiakten gefüllt: Einbruch, Diebstahl, Raub und Körperverletzung. „Die ganze Palette eben, das Übliche“, wie ein Sechzehnjähriger seine bisherigen Delikte zusammenfasst.

Chef der stationären Jugendhilfeeinrichtung auf dem Flugplatzgelände ist Frank-Michael Marteaux. Zusammen mit seiner Schwester betreibt er seit Jahren neun Erziehungseinrichtungen mit kleinen Wohngruppen von Friedersdorf (Görlitz) in der Oberlausitz bis Himmelpfort (Oberhavel). Groß Schacksdorf ist die bisher größte der Einrichtungen.

Von den 24 Plätzen dort sind inzwischen 22 belegt. Der jüngste Bewohner ist 13, der älteste 18 Jahre alt. Mehr als die Hälfte sind jünger als 15. Viele haben schon die Polizei beschäftigt, bevor sie strafmündig wurden. Manchmal kommt es auch in der Jugendhilfeeinrichtung zu Gewaltausbrüchen einzelner Bewohner.

Karge Zimmer

Heimleiter Marteaux setzt in seinem Konzept auf eine enge Tagesstruktur und Disziplin. Der 49-jährige Cottbuser hat in der DDR Heimerzieher gelernt, im Internat von Leistungssportlern gearbeitet, ab 1990 in einem Jugendwerkhof und später beim Jugendhilfe Cottbus e.V. mit Punks. „Wir sind kein Knast und kein Bootcamp, sondern eine offene Einrichtung der Hilfe zur Erziehung“, sagt er über das Haus in Groß Schacksdorf.

Die Zimmer der Heimbewohner erinnern in ihrer Kargheit jedoch durchaus an Gefängnisse. Kahle weiße Wände, ein altes Militärbett mit grauem Metallrahmen, ein Tisch, ein Spind, ein Stuhl. „Verschönerungen“ müssen ebenso wie andere Vergünstigungen durch Verhalten erarbeitet werden. Dann gibt es Poster und Fotos an den Wänden, Fußballfanartikel und auch Grünpflanzen.

Unter den Postern fallen die vielen Bilder von Rappern auf. Ein kleiner Wanderpokal für das beste Zimmer ist mit Gummibärchen gefüllt.

Irgendwie sei das schon „so ähnlich wie Knast“, sagt Mike (Name geändert). Beklagen will er sich trotzdem nicht. Der Unterricht hier sei sogar besser als in der Schule, die er vorher besucht hat: „Hier kann ich mich besser konzentrieren, die Lehrer erklären alles in Ruhe.“

Zu den harten Regeln, die weder Handys noch Spielkonsolen gestatten, gehört auch Einheitskleidung, rote und blaue Jogginganzüge, passende Jacken und Arbeitsanzüge. „Hier gibt es keine Statussymbole“, begründet Marteaux den Einheitslook. Wer von dem alten Flugplatzgelände wegläuft, wird dadurch auch schnell aufgegriffen. Doch Flucht ist ohnehin schwierig: Eine halbe Stunde Fußweg durch den Wald führt nur zur ehemaligen Armeesiedlung.

Schule oder Arbeit

Je nach Alter und Vorgeschichte werden die Jugendlichen unterrichtet oder bekommen eine Einstiegsqualifizierung, um später eine Ausbildung zum Trockenbauer, Landschaftsbauer oder Maler zu absolvieren. Ehemalige Werkstätten des Militärs bieten dafür Platz. Für Bewegung stehen eine Turnhalle und ein Sportplatz zur Verfügung. Sport ist ebenso Pflicht wie künstlerische Betätigung. „Wir müssen auch an die Seelen der Kinder heran.“

Maximal ein Jahr sollen die Jungen in Groß Schacksdorf bleiben, dann wieder in Einrichtungen mit lockerer Struktur zurückkehren. „Wenn bis dahin keine Änderung eintritt, wird es auch in zwei Jahren nichts“, glaubt Marteaux.

Etwa die Hälfte der 36 Mitarbeiter, die bisher keinen pädagogischen Abschluss hat, soll sich ab September berufsbegleitend qualifizieren. Erhöht werden soll auch die Zahl der Lehrkräfte. „Wir brauchen einen Psychotherapeuten“, kündigt der Heimleiter an.

Eine fundierte Einschätzung, wie erfolgreich das Konzept des Jugendheims auf dem alten Flugplatzgelände ist, wird erst in einigen Jahren möglich sein. Relativ viele Bewohner kommen aus Leipzig. Dort ist man mit der Arbeit der Umgebinde Erziehungsgesellschaft mbH zufrieden. „Wir haben die Hoffnung, dass die jungen Leute da gefestigter herauskommen als, sie hinein gehen“, sagt Brigitte Blattmann vom Leipziger Jugendamt. Der längste Aufenthalt eines jungen Leipzigers in Groß Schacksdorf dauerte bisher vier Monate.