„Die Tankstelle ist die Basis
für alles andere. Sie gibt mir
die zeitliche Freiheit,
die ich brauche.“
 Henry Strasen


„Hans Dampf“ sagte man früher zu Menschen wie ihm. Zu Energiebündeln, die ständig unter Strom stehen, die sich schnell langweilen und gern an ihre Grenzen gehen. Bei Henry Strasen, 40, allerdings ist diese Fähigkeit zur Mehrgleisigkeit gepaart mit Bodenhaftung und Familiensinn.
Nach der Polytechnischen Oberschule (POS) lernte Strasen KFZ-Schlosser, machte an der Volkshochschule sein Abitur und ging noch zu DDR-Zeiten zum Pannenhilfsdienst. „Da konnte ich zu Hundert Prozent mitnehmen, wie man improvisiert. Wenn du als 19-Jähriger allein auf der Straße stehst und das Urlaubsglück einer Familie davon abhängt, ob du ihren Trabbi wieder flott kriegst, dann kannst du gar nicht anders, dann musst du einfach erfolgreich sein.“
Regelrecht geliebt habe er seine Arbeit beim Pannenhilfsdienst, schon damals aber habe es keine Acht-Stunden-Tage für ihn gegeben. „Überstunden, Nachtbereitschaft, Wochenenddienst, das gehörte alles dazu.“ Sein erster Sohn Richard kam in jenen Jahren zur Welt, Ehefrau Anke arbeitete auf der Intensivstation des Lübbener Krankenhauses im Drei-Schicht-System. Ein turbulenter, anstrengender Alltag, der nur mit Hilfe von Eltern und Schwiegereltern zu bewältigen war.
„Ein besserer Vater hätte ich sicherlich sein können“ , sagt Strasen, „aber Anke und ich, wir kommen beide aus Neubaublocks. Wir mussten uns alles selbst aufbauen und wir hatten den unbedingten Willen, eine schöne Zukunft zu gestalten - gerade auch für Richard.“
Die politische Wende empfindet der Familienvater bis heute als größt- mögliches Geschenk, er nutzte sie ohne zu zögern. „Der ADAC Straßendienst war froh, als wir uns mit sieben Kollegen als Partner anboten - wir hatten die erste GmbH im Bezirk Cottbus gegründet.“
Die Westautos, die damals die hiesigen Straße fast schon überschwemmten, die häufigen Pannen der oft alten Autos, das sei ein unglaublich guter Start gewesen. „Wir haben damals quasi auf der Straße gelebt, so viel war zu tun. Aber es gab auch gutes Geld zu verdienen.“
Als Strasen einige Jahre später in der RUNDSCHAU las, dass Aral in Lübben eine Tankstelle bauen wolle, bewarb er sich als Pächter. Bestand alle Prüfungen des Konzerns, machte nebenbei seinen Meister und beschäftigt heute 14 Mitarbeiter. „Die Tankstelle“ , sagt er, „ist die Basis für alles andere. Sie gibt mir die zeitliche Freiheit, die ich brauche.“
Immerhin gehört er seit 20 Jahren der Lübbener Feuerwehr an, fungiert derzeit als stellvertretender Kreisbrandmeister. „Eine Aufgabe, die ich zeitlich total unterschätzt habe. Im Moment stecken wir gerade in der Einsatzplanung einer drei Kilometer langen Tunnelstrecke am künftigen Flughafen in Schönefeld. Bei Kollegen in Suhl wollen wir uns erstmal angucken, wie man es organisiert, mit fast ausschließlich ehrenamtlichen Wehren ein solches Objekt im Notfall zu sichern.“
Während er noch im Büro seiner Tankstelle über die Pläne des künftigen Tunnels gebeugt ist, will ein Chemievertreter am Telefon die nächste Bestellung abklären. Der Vater von Henry Strasen schaut kurz vorbei: Die Familie spielt bis heute eine ungewöhnlich große Rolle im Leben des Geschäftsmannes. So ist er im Juli gemeinsam mit einem Freund fast 2000 Kilometer bis tief in die russische Provinz gefahren, weil dort im Juli 1943 der Bruder seines Großvaters gefallen ist.
Strasen hatte jahrelang recherchiert, um die ungefähre Grabstelle herauszufinden, nun wollte er dort einen jungen Baum aus heimatlicher Erde pflanzen, ein Grabkreuz für Richard Strasen errichten und ein identisches für die unbekannten gefallenen russischen Soldaten. Ein Plan, der reichlich verwegen klingt, und der in der Umsetzung mit vielen Abenteuern, mit einigen Tränen, viel Wodka und noch mehr neuen Freundschaften verbunden war. Auf der Rückreise machte Strasen einige Tage bei Freunden von Freunden in der Ukraine Station und half dort als Landmaschinen-Mechaniker aus.
Derselbe Mann zog nur wenige Tage nach dieser völkerverbindenden Aktion ohne zu zögern eine Wehrmachts-Uniform an - der KFZ-Narr Strasen, der alte Militärfahrzeuge sammelt, obwohl er den Krieg selbst verdammt. „Aber die Technik ist eben vom Feinsten.“
Freunde hatte ihn angesprochen, dass für den Stauffenberg-Film „Valkyrie“ versierte Fahrer gesucht würden und ob er nicht Lust hätte. „Klar wollte ich da mitmachen“ , sagt er, „und es war auch ein einmaliges Erlebnis.“ Tom Cruise habe er zwar nicht gesehen, aber eben diese gewaltige Filmproduktion und auch den schweren Unfall, bei dem mehrere Statisten verletzt wurden.
„Jeder wusste vorher, worauf er sich einlässt“ , sagt Strasen, „und die Erstversorgung der Verletzten lief ab wie im Bilderbuch.“ Er selbst habe mitgeholfen, selbstredend, als Feuerwehrmann müsse man in solchen Situationen Nerven bewahren.
Insgesamt sei es einfach alles ein Riesenspaß gewesen, auch für die Schaulustigen. „Ein Film, es war nur ein Film“ , sagt er, und vielleicht steckt irgendwo tief in ihm der Wunsch, die ganze grauenhafte deutsche Vergangenheit sei nichts als ein schlechter Film gewesen.
Henry Strasen gehört zu denen, die das Wort „Schlussstrich“ mögen, er ist der Überzeugung, dass die Rechten in der Region nicht mehr rechts wären, wenn ihnen die Verantwortung für die Vergangenheit von den Schultern genommen würde. „Wir müssen doch nach vorne gucken und an der Zukunft arbeiten, uns freuen am Leben und positiv denken“ , sagt er und weiß genau, dass er sich auf politisch sehr dünnem Eis bewegt.
In Lübben sitzt er für die CDU im Stadtparlament, ist aber nie in die Partei eingetreten. „Ich bin zu konservativ für die CDU, außerdem mag ich gar keine Parteipolitik. Mir geht es um Sachentscheidungen, um vernünftige Lösungen hier vor Ort.“ Und da vertraut er dann eben seinem Bürgermeister, der seit 17 Jahren im Amt ist. Henry Strasen: „Die Stadt entwickelt sich. Sieht wunderschön aus, am Markt haben wir private Investoren, Abriss von Neubauwohnungen kennen wir nicht.“
Das möchte er ins Bewusstsein rücken, das Positive, die Chancen. Bei der Feuerwehrarbeit hat er in der Jahren nach der Wende immer stärker gespürt, dass die Erwartungen der Menschen zwar stetig steigen, ihre Bereitschaft aber, sich einzusetzen, nicht in gleichem Maße wächst. „Vielleicht“ , überlegt Henry Strasen, „gilt das nicht nur für die Arbeit bei der Freiwilligen Feuerwehr.“