Die Flüchtlingskrise sorgt für immer mehr Streit zwischen den politisch Verantwortlichen auf allen Ebenen. Die Nerven liegen angesichts des ungebremsten Zustroms blank, dabei ist der Flüchtlingsgipfel erst in zwei Wochen. Das gilt nicht nur für den Bund, die Länder und die Kommunen. Sogar die Vorsitzenden der beiden Schwesterparteien CDU und CSU, Angela Merkel und Horst Seehofer, gerieten aneinander. Auslöser war Seehofer, der Merkels Entscheidung vom vorletzten Wochenende massiv kritisierte, die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge unbürokratisch nach Deutschland zu lassen. "Das war ein Fehler, der uns noch lange beschäftigen wird", sagte er in einem "Spiegel"-Interview. "Ich sehe keine Möglichkeit, den Stöpsel wieder auf die Flasche zu kriegen."

Die Zahlen schienen ihn zu bestätigen. München meldete allein am Sonnabend mehr als 12 000 Neuzugänge am Hauptbahnhof und konnte erstmals nicht mehr alle in Notunterkünften unterbringen. Etliche Flüchtlinge mussten auf dem kalten Bahnhofsfußboden schlafen. Die Bahn benutzte am Sonntag einen regulären ICE, um Flüchtlinge in andere Bundesländer weiterzutransportieren; die normalen Kunden wurden auf andere Verbindungen verwiesen.

Die Kanzlerin wies die Kritik am Sonnabend bei einer CDU-Veranstaltung in Berlin zurück, freilich ohne Seehofer namentlich zu erwähnen. Sie sei fest davon überzeugt, dass die Entscheidung richtig gewesen sei, sagte Angela Merkel. Es sei eine Notlage gewesen. Deutschland werde seiner Verantwortung gerecht, wenn es um die Hilfe von Schutzbedürftigen gehe. Wirtschaftliche Not sei aber kein Asylgrund.

Ähnlich äußerte sich Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der Merkel in einem Interview beisprang. Die Kanzlerin forderte erneut, dass sich alle EU-Staaten an der Aufnahme von Flüchtlingen beteiligen sollten. Zu den Aufgaben der EU gehöre außerdem der Schutz ihrer Außengrenzen - auch zwischen Griechenland und der Türkei. "Der ist derzeit nicht gewährleistet." Mit der Türkei müsse intensiv gesprochen werden.

Die Kritik an Merkels Entscheidung beschränkt sich jedoch nicht nur auf die CSU. "Die Länder sind völlig überrascht worden von der Einreiserlaubnis der Kanzlerin", sagte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz (IMK), Roger Lewentz (SPD). "Wir hätten Zeit für Vorbereitungen gebraucht. Und wir hätten vorher davon wissen müssen." Laut einem Bericht der "Welt am Sonntag" bemängelten bei einer vertraulichen Telefonkonferenz mehrere Landesinnenminister, dass sie "überrumpelt" worden seien.

Unterdessen sind auch zwischen den Ländern Fronten aufgebrochen, vor allem um die Frage, wer wie viele Flüchtlinge zur Erstversorgung aufnimmt. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) kritisierte die mangelnde Unterstützung. Außer nach Nordrhein-Westfalen seien am Samstag lediglich acht Busse mit insgesamt 400 Menschen in andere Bundesländer gestartet. "Das ist einfach lächerlich", sagte Reiter. Er finde es seitens der anderen Bundesländer "absolut dreist, zu sagen: wir sind am Anschlag".

Zu allem Überfluss kam es auch noch zu einem Streit zwischen den Berliner Regierungspartnern SPD und CSU. Das wegen der Ankündigung von CSU-Chef Horst Seehofer, Ungarns umstrittenen Premier Viktor Orban zur nächsten Klausurtagung der CSU-Landtagsfraktion nach München einzuladen, um mit ihm zusammen eine Lösung für die Flüchtlingsfrage suchen. SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi sagte, mit der Einladung falle Seehofer der Kanzlerin in den Rücken. "Wir brauchen jetzt eine klare Haltung in der Koalition, um das Flüchtlingsproblem zu lösen. Die CSU ist im Augenblick weniger Teil der Lösung als Teil des Problems."

Kommentar: Seehofer fehlt der Anstand