Es war, als hätte Sigmar Gabriel eine Schleuse geöffnet. Kaum hatte der SPD-Wirtschaftsminister der wirtschaftlich stärksten EU-Nation die Verhandlungen über das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA (TTIP) am Wochenende als "de facto gescheitert" bezeichnet, legte am Dienstag der Präsident der zweitstärksten Nation, Frankreich, nach.

Er halte "im gegenwärtigen Umfeld" eine Vereinbarung bis zum Jahresende nicht mehr für möglich, sagte François Hollande in Paris. Düpiert sind die beiden wichtigsten TTIP-Verfechter, US-Präsident Barack Obama, der im November abtritt, und Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Hollande argumentierte fast wortgleich wie Gabriel; beide hatten sich vergangene Woche in Paris bei einem Treffen führender sozialistischer Politiker Europas ausgetauscht. Der französische Präsident nahm den deutschen SPD-Chef mit seinen Äußerungen auch ein wenig aus der Schusslinie der CDU und der deutschen Wirtschaft, in die er geraten war. Die Verhandlungen seien festgefahren und zu unausgewogen, sagte Hollande.

Gabriel gab am Dienstag in Berlin vor der Presse den USA erneut die Schuld am Scheitern. Nach drei Jahren Gesprächen und 14 Verhandlungsrunden sei keine der wesentlichen Fragen geklärt. "Die Amerikaner sind absolut nicht bereit, europäischen Forderungen nachzugeben und Minimalstandards der EU anzuerkennen." Gabriel hatte Merkel von seinem öffentlichen Vorstoß gegen TTIP dem Vernehmen nach vorab nicht informiert. Sie kenne seine Haltung seit mindestens zwei Wochen, verteidigte sich der Wirtschaftsminister dazu auf Nachfrage. Da habe sein Ministerium eine Aufstellung mit der bisherigen negativen TTIP-Verhandlungsbilanz an alle Kabinettskollegen übersandt, "auch an das Kanzleramt".

Offen ist zwischen französischen Sozialisten und deutschen Sozialdemokraten offenbar nur, ob die EU die Gespräche aktiv "stoppen" soll, wie Frankreichs Außenhandelsstaatssekretär Matthias Fekl forderte. Eine solche "Trophäe" hielt Gabriel für falsch - er sagte, die Gespräche würden nach einem letzten Treffen im September einfach auslaufen. Danach müsse man abwarten, welches Verhandlungsmandat die neue amerikanische Administration im November erteile. Beide Präsidentschaftsbewerber, Hillary Clinton und Donald Trump, stehen Freihandelsabkommen jedoch kritisch gegenüber.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich zwar vorsichtiger als sein Parteichef Gabriel, aber in der Substanz kaum anders. Die Verhandlungspartner seien noch "weit entfernt" von ähnlich hochwertigen Standards für Produkte und Handelsprozesse, wie sie die EU bei anderen Freihandelsabkommen wahrscheinlich vereinbaren könne, sagte der SPD-Politiker. Man solle sich da "nichts in die Tasche lügen".

Angela Merkel, die noch am Montag im Gegensatz zu Gabriel erklärt hatte, sie wolle abwarten, was die EU in den Verhandlungen erreichen könne, schwieg am Dienstag. Ihr Sprecher Steffen Seibert wollte sich zu den Vorgängen in Paris auch auf Nachfrage nicht äußern. Auf dem G20-Gipfel in China, der am Sonntag beginnt, ist TTIP offiziell kein Thema. Ob es am Rande ein Gespräch zwischen Obama, Merkel, Hollande und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gibt, ist offen.

In den USA wurde mit Kopfschütteln auf die Vorgänge in Europa reagiert. Ein Sprecher des Handelsbeauftragten Michael Froman sagte: "Die Verhandlungen machen in Wahrheit ständige Fortschritte." Es liege in der Natur von Handelsgesprächen, dass nichts vereinbart sei, bis alles vereinbart sei. Insofern sei es nicht im Geringsten überraschend, dass einzelne TTIP-Kapitel noch nicht förmlich beschlossen worden seien.

Ähnlich äußerte sich auch die EU-Kommission. Linke und Grüne in Deutschland forderten Gabriel unterdessen auf, nach TTIP nun auch das Freihandelsabkommen mit Kanada, Ceta, scheitern zu lassen. Darüber gibt es in der SPD eine scharfe innerparteiliche Debatte. Am 19. September soll ein kleiner Parteitag entscheiden.

Gabriel verteidigte dieses Werk am Dienstag jedoch erneut. Ceta sei im Gegensatz zu TTIP ein "exzellentes" Abkommen, und er sei sich sicher, eine Mehrheit dafür zu finden, sagte der Wirtschaftsminister und SPD-Vorsitzende.