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| 02:45 Uhr

Hand in Hand gegen neue Braunkohle-Tagebaue

Die Menschenkette ist geschlossen – selbst über die Neiße, wo die Teilnehmer zusätzlich mit einem breiten Transparent ihre Haltung gegen Kohle und für erneuerbare Energien deutlich machten.
Die Menschenkette ist geschlossen – selbst über die Neiße, wo die Teilnehmer zusätzlich mit einem breiten Transparent ihre Haltung gegen Kohle und für erneuerbare Energien deutlich machten. FOTO: dpa
Groß Gastrose. Mit einer rund acht Kilometer langen Menschenkette haben Braunkohlegegner aus Deutschland und vielen weiteren europäischen Ländern gegen die Erschließung neuer Tagebaue demonstriert. Die Kette verband das Dorf Kerkwitz (Spree-Neiße) mit dem polnischen Grabice. Beiden Orten droht die Abbaggerung. Thomas Engelhardt

Samstag, 12.30 Uhr: Noch gut eine Stunde, bis die Menschenkette lückenlos von Kerkwitz bis Grabice reichen soll. Im sonst eher beschaulichen Groß Gastrose, das praktisch den Mittelpunkt der Kette bilden soll und in dem diese die Neiße nach Polen überqueren wird, herrscht bereits mächtig Betrieb. Ordner weisen Autos an den Ortseingängen auf Parkplätze ein, aus Reisebussen strömen Demonstranten. Die Kennzeichen verraten: Hier kommen Teilnehmer aus Hamburg, aus Berlin, aus München. Sie alle wollen ein Zeichen setzen - gegen neue Tagebaue, gegen Braunkohleverstromung, für alternative Energien.

Zu den Ersten, die ihren Platz einnehmen, gehören aber auch viele Menschen aus der Region. So wie Familie Himpel aus Groß Jamno bei Forst. Sie lehnt weitere Tagebaue "wegen der massiven Umweltzerstörung" ab. Es gebe genug alternative Möglichkeiten, Strom herzustellen.

Karin Kunzke hat ihren Schirm aufgespannt, trotzt so dem Regen. "Es ist mir einfach ein Bedürfnis, hier dabei zu sein. Wir in Bärenklau wären Randbetroffene des neuen Tagebaus Jänsch walde-Nord." Angela Siegert sieht das ganz ähnlich. Ihre Familie wäre gleich in mehrerer Hinsicht betroffen. Mutter und Tochter leben in Kerkwitz, sie selbst hier in Groß Gastrose, an dem die Kohlegrube nach aktuellen Plänen nur in wenigen Hundert Metern Entfernung vorbeiführen würde. Was Kampf gegen die Kohle bedeutet, weiß auch Angela Siegerts Schwager Bernd Siegert. Hornos Ortsvorsteher stritt über Jahre für den Erhalt seines Dorfes - letztlich erfolglos. Inzwischen lebt er im neuen Horno, am Rande von Forst. Heute will er den aktuell Betroffenen Mut macht, reiht sich ebenfalls in die Kette ein.

Es ist kurz vor 13 Uhr, immer wieder rufen Ordner der Organisatoren - darunter mehrere Bürgerinitiativen und Umweltverbände - den Teilnehmern kleine Anweisungen zu. "Weiter nach rechts! Da ist noch eine große Lücke auf der Straße nach Kerkwitz." Auch Johanna, Ahmed und Nishra rücken ein paar Schritte weiter. Sie sind aus Schweden angereist, haben drei Tage lang am Klimacamp teilgenommen und sind gegen die Vorgehensweise von Vattenfall, jenes Konzerns, der in ihrem Heimatland zu Hause ist. Ansku aus Finnland erklärt, warum sie in die Lausitz gekommen ist: "Die Leute sollen ihre Heimat verlieren. Das ist eine Energieform, die nicht mehr genutzt werden sollte."

Auch Dieter und Melitta Indinger aus München haben sich eingereiht. Sie haben einen ihrer letzten Urlaubstage genutzt, um an der Aktion teilzunehmen. "Wir wollten endlich auch einmal die Lausitz sehen und haben ganz bewusst einen Abstecher hierher gemacht. Es ist einfach Unsinn, Braunkohle zu verfeuern, um Strom herzustellen", ist sich Dieter Indinger sicher.

13.30 Uhr, noch einmal wird aufgerückt, um eine größere Lücke zu schließen. Andreas Stahlberg, Verantwortlicher für Tagebaufragen in der Gemeinde Schenkendöbern, ist beeindruckt von den Menschenmassen. "Ich habe vier Tage lang am Klimacamp teilgenommen. Es sind immer mehr Leute geworden. Viele haben sich auch am Aussichtspunkt in Grießen den jetzigen Tagebau angeschaut."

13.45 Uhr: Die Feuersirene im Dorf erschallt. Jetzt wird es ernst. Die Menschen fassen sich an den Händen, auch das Ehepaar Hoeber aus Guben. "Wir selbst wären Randbetroffene, unser Sohn in Kerkwitz sogar direkt betroffen. Es gibt genug Alternativen. Die Bagger hinterlassen nur eine Kraterlandschaft", begründet das Ehepaar, warum es unbedingt dabei sein wollte.

Um 14.02 Uhr schließlich erfahren die laut Veranstalter rund 7500 Menschen per Megafon: Die Kette steht! Jubel und Applaus branden auf, Lieder werden angestimmt. Und der Regen von vor einer Stunde hat sich längst verzogen.