Der Parteitag der französischen Sozialisten war auf drei Tage angesetzt, doch er dauerte eigentlich nur 55 Minuten. So lange sprach nämlich Regierungschef Manuel Valls am Samstag in Poitiers zu den Delegierten. Die Parteitagsregie hatte den Zeitpunkt perfekt gewählt: um 12.15 Uhr trat der Premierminister vor die Mikrofone in der Halle des Parc des Expositions, die nur für die knappe Stunde seiner Rede voll besetzt war. Der gebürtige Spanier machte geschickt klar, dass es ihm nach den internen Querelen der vergangenen Monate nicht um die Partei, sondern um den Präsidentschaftswahlkampf 2017 ging. Bereits nach wenigen Minuten gab er das Stichwort, auf das alle gewartet hatten: "Seien wir stolz auf den Präsidenten der Republik, der die Stimme Frankreichs ist." Minutenlanger Applaus und stehende Ovationen folgten - einer der wenigen Momente der Begeisterung in Poitiers.

Für die meisten Parteimitglieder war damit klar: François Hollande ist der natürliche Präsidentschaftskandidat der Sozialisten für 2017. "Die Partei steht geeint hinter dem Staatschef", interpretierte der sozialistische Kommunalpolitiker Jérôme Safar hinterher. Doch der Regierungschef brachte sich mit seiner staatsmännischen Ansprache auch selbst in Stellung. Valls weiß, dass sogar innerhalb des Parti Socialiste (PS) inzwischen eine Mehrheit lieber ihn als Kandidaten 2017 sehen will als den unbeliebten Staatschef.

Gleichheitsslogan für den Wahlkampf

Doch auch Valls tut sich schwer damit, den Sozialisten, die in den vergangenen drei Jahren vier Wahlniederlagen in Folge hinnehmen mussten, ein Projekt für 2017 zu präsentieren. "Egalité" sei der Slogan für die Präsidentschaftswahl sagen die Parteimitglieder. Gemeint ist die Gleichheit, die Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem mit ihrer umstrittenen Schulreform verteidigen will. Beklatscht wurde die 37-Jährige in Poitiers dafür zuhauf. Doch reicht die Umgestaltung der Mittelschule, um die vielen von den Sozialisten enttäuschten Wähler wieder einzusammeln? Rund 40.000 Mitglieder gingen dem PS seit 2012 verloren. Dagegen hilft auch das Feindbild des Nicolas Sarkozy nicht, der vergangene Woche beim Parteitag seiner konservativen Republikaner gegen die Regierung gehetzt hatte. "Nicolas Sarkozy ist durch seine Praktiken schon in der Opposition ein Problem", bemerkte der Regierungschef.

An seinem Kurs will Valls festhalten: "Wir werden weiter reformieren, ohne Pause". Ein Satz, den die gegen den "sozialliberalen" Reformkurs kämpfende Parteilinke nicht gerne hört. "Die sozialliberale Politik vergisst das Soziale, das heißt die Löhne, die Aufteilung des Reichtums und die Steuergerechtigkeit", kritisierte der parteiinterne Rebell Christian Paul.

Keine Auseinandersetzungen zwischen den Parteiflügeln

Viel Applaus bekam er für seine Rede nicht, denn die Mitglieder hatten schon im Vorfeld klargestellt, wem ihre Unterstützung gilt. Mit rund 60 Prozent stimmten sie für den Leitantrag von Parteichef Jean-Christophe Cambadélis, der auf Valls‘ Linie liegt. Die befürchtete Auseinandersetzung zwischen Anhängern des Regierungslagers und der Parteilinken blieb deshalb aus. Lediglich der frühere Industrieminister Arnaud Montebourg sorgte aus der Ferne für Missstimmung. "Ist es noch möglich, ein politisches und moralisches Desaster dieser regierenden Linken zu vermeiden", fragte der für seine offenen Worte bekannte Politiker in einem Zeitungsbeitrag.

Doch sein linker Parteiflügel, die so genannten Frondeurs, kann nun kaum noch aufmucken, wenn es um Einsparungen im Haushalt oder Vergünstigungen für Unternehmen geht. Ob die zur Schau gestellte Einigkeit reicht, um 2017 die Wahlen zu gewinnen, ist allerdings die Frage. Die Begeisterung, die der Kandidat Hollande 2012 noch hervorrief, ist verflogen. Wenn sich die Partei erneut hinter dem Präsidenten schart, dann eher aus Pflichtgefühl denn aus Passion.