"Der Jackpot geht heute auf jeden Fall raus", sagt Stefan Raab eine Viertelstunde vor Beginn des Duells in seiner Sendung. Dann geht er rüber ins Nachbarstudio, mal kurz Kanzlerkandidaten befragen. Die 300 000 Euro, die es bei "Absolute Mehrheit Spezial" im Privatsender Pro Sieben zu gewinnen gibt, dürften Merkel und Steinbrück allerdings kaum interessieren. Draußen, die vielleicht 15 Millionen Zuschauer, von denen erfahrungsgemäß fast die Hälfte noch unentschlossen ist, das ist der ganz große Jackpot.

Vor allem für Steinbrück, der in den Umfragen zurückliegt. Der Sozialdemokrat fährt zuerst vor. Es ist 19.21 Uhr. Die Wolken über dem Studiogelände in Berlin-Adlershof werden dunkler. Empfangen wird der SPD-Kandidat von ein paar Jusos, deutlich in der Überzahl ist aber der Parteinachwuchs der CDU, der kräftig pfeift und "Angie, Angie" ruft. Steinbrück wirkt trotzdem entspannt, er lacht.

Allerdings, gleich zu Beginn des Duells, wird es hart für den SPD-Mann. Der RTL-Journalist Peter Kloeppel spricht seinen Holperstart an und fragt Merkel: "Tut Ihnen Steinbrück manchmal leid?" Es ist eine gemeine Frage, eine die ihn zum Verlierer stempelt. Die Kanzlerin antwortet mit der gönnerhaften Feststellung: "Das hat Herr Steinbrück wirklich nicht nötig." Im Pressezelt nebenan bricht großes Gelächter aus. Immerhin hat die Kanzlerin den Namen des Herausforderers in den Mund genommen.

Ihre Körpersprache ist offener als seine. Wenn er spricht, dreht sie sich zu ihm hin, schaut ihn offen an. Sie möchte, das merkt man, keine allzu harte Konfrontation aufkommen lassen. Er hingegen blickt sie kaum an und wenn, dann ziemlich streng.

Das Pressezentrum ist so etwas wie eine temporäre Fachmesse für Duell-Beobachtung. Außer den rund 800 angemeldeten Journalisten haben sich Politiker, Experten und prominente Sympathisanten des einen oder anderen Lagers eingefunden.

Die Union bietet ihre Hochkaräter auf. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe ist da, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, die angeregt mit der Schauspielerin Uschi Glas plaudert. Für Peer Steinbrück werben im Pressezentrum "Prinzen"-Sänger Sebastian Krumbiegel, Hubertus Heil, Generalsekretärin Andrea Nahles und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig. Gröhe und Nahles fetzen sich schon in der Vorberichterstattung der Fernsehsender. Gröhe beklagt "gelegentliche Pampigkeiten des Kandidaten", Nahles wiederum das "Geschwurbel der Kanzlerin". Krumbiegel gibt Steinbrück per Fernsehinterview den Rat, "charmant, aber bestimmt anzugreifen, damit Merkel sich nicht wegducken kann." Uschi Glas sagt nur: "Die Angie weiß, wie's gemacht wird." Das weiß sie.

In der Griechenland-Frage kommt es kurz zum direkten Duell. Steinbrück fragt Merkel, warum sie den Bürgern nicht die Wahrheit sage, dass Deutschland wird zahlen müssen. Sie kontert. "Wenn nicht Wahlkampf wäre, hätten Sie so nicht gesprochen." Und erinnert daran, dass die SPD den Rettungspaketen immer zugestimmt hat. Ein wenig gerät sie in die Defensive, als sie nach der von Horst Seehofer vorgeschlagenen Autobahn-Maut gefragt wird. Steinbrück hakt ebenfalls mehrfach nach. Als es Merkel zu bunt wird, beendet sie die Debatte mit einem Federstrich: "Die Maut wird es mit mir nicht geben." So ein Basta ist neu bei ihr.

Steinbrück wird mit zunehmender Sendezeit sicherer. Lächelt öfter als Merkel und redet engagierter. Mit Raab liefert er sich am Ende einen kurzen, ironischen Schlagabtausch, in dem es darum geht, ob die SPD nicht doch nur Juniorpartner in einer großen Koalition wird. Beide grinsen sich dabei mit Haifischlächeln an. Eine Steilvorlage liefert ihm Raab mit der Frage, ob sein angekündigter Kampf gegen Steuerflüchtlinge nicht nur eine leere Drohung sei, weil Deutschland doch nichts tun könne. "Wieso nicht?", fragt Steinbrück zurück und listet wie aus dem Effeff ein kleines Steuerbetrugsbekämpfungsprogramm auf.

Merkel mischt sich hier lieber nicht groß ein. Bei der Pflege grätscht sie allerdings dazwischen, als er ihr mal wieder vorwirft, nichts getan zu haben. "Also da möchte ich doch mal widersprechen", holt Merkel aus, und stellt dann, ebenso sachkundig wie er beim Steuerbetrug, dar, was die Regierung bisher getan hat.

Inhaltlich sind beide Kandidaten exzellent vorbereitet und bringen ihre Botschaften unter. Schon nach kurzer Zeit stellt deshalb ARD-Moderatorin Anne Will resigniert fest: "Wir hören hier längere Einlassungen, die nicht zwingend zu unseren Fragen passen." Allerdings, hier zieht jeder sein Programm durch. Auch die Journalisten. Als Merkel und Steinbrück beide ihr perfekt einstudiertes Schlussplädoyer gehalten haben, übernimmt die Pro-Sieben-Live-Kamera und folgt Stefan Raab in sein Studio, wo es gleich weitergeht. Den Jackpot verteilen.

Zum Thema:
"Hätte, hätte, Fahrradkette" - dieser Satz ist zu einem Markenzeichen von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück geworden. Während des TV-Duells am Sonntagabend war es aber Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die mit einer schwarz-rot-goldenen Halskette Aufmerksamkeit auf sich zog. Innerhalb einer halben Stunde hatte der spontan eingerichtete Twitter-Account @schlandkette bereits mehr als 4000 Follower.