Die Worte, die sich der junge Mann aus Senftenberg vom Gericht und der Staatsanwaltschaft anhören musste, waren deutlich. „Sie haben eiskalt das Lebensrecht des Opfers missachtet. Es hatte die Funktion einer Fußmatte“, sagte die Vorsitzende Richterin der Jugendstrafkammer, Sigrun von Hasseln-Grindel, als sie das Urteil begründete. Staatsanwalt Tobias Pinder sprach von einer Tat, die „von Skrupellosigkeit und menschenverachtender Haltung“ geprägt war.

Tobias Sch. hatte im August vergangenen Jahres frühmorgens am Senftenberger See einen 75 Jahre alten Rentner von hinten zu Boden gerissen, zunächst Geld von ihm gefordert und diesen, weil er nichts bei sich trug, brutal zusammengeschlagen und getreten. Wut und Enttäuschung hatte Tobias Sch. bei seinem Geständnis vor Gericht als Motiv für die Gewalttat angegeben, die für den alten Mann völlig überraschend kam und gegen die er sich nicht wehren konnte. „Es war nur glücklichen Umständen zu verdanken, dass das Opfer überlebte“, stellte Staatsanwalt Pinder fest. Denn der gerade 18 Jahre alt gewordene junge Mann hatte dem von der Statur eher schmächtigen Opfer schwerste Verletzungen zugefügt: mehrfache Knochenbrüche im Gesicht und in der Brust sowie gefährliche Komplikationen an Lunge und Nieren. Nur, weil sich der Rentner nach kurzer Bewusstlosigkeit noch wie durch ein Wunder nach Hause schleppen konnte und schnell ärztliche Hilfe geleistet wurde, konnte sein Leben gerettet werden.

Der Abend vor der Tat war für Tobias Sch. und seine damalige Freundin ganz normal und lustig verlaufen. Bei Freunden hatten sie eine Grillparty gefeiert. Dabei wurde auch einiges an Alkohol getrunken. Zuhause bei seiner Freundin war Tobias Sch. dann um eine Aussprache bemüht. Er wollte nachts unbedingt klären, ob ihre Beziehung eine Perspektive habe. Daraus entwickelte sich offensichtlich ein Streit, und als die Freundin schlafen wollte, verließ der Angeklagte das Haus und fuhr zum Senftenberger See. Dort traf er zufällig auf sein späteres Opfer. Er habe Streit gesucht, aber eigentlich nicht mit so einem Alten, hatte er vor Gericht eingeräumt.

Als der Geschädigte als Zeuge aussagte, entschuldigte sich der Angeklagte für den Überfall, ohne dass er dabei Emotionen erkennen lies. Der betagte Mann berichtete, dass er seit der Tat auf seine über viele Jahre gepflegten morgendlichen Spaziergänge verzichtet. Noch immer denke er an den Überfall und habe Angst, das ihm Gleiches noch einmal passieren könnte, sagte er.

Der Verteidiger von Tobias Sch., Rechtsanwalt Christian Nordhausen, versuchte mit seinem Plädoyer, wenigstens eine Verurteilung seines Mandanten wegen versuchten Mordes und versuchten Raubes zu verhindern. Er stellte das Geschehen „lediglich“ als gefährliche Körperverletzung dar. Mordmotive wie Habgier, Heimtücke oder niedrige Beweggründe hätten dem Angeklagten nicht nachgewiesen werden können.

Dem folgte das Gericht nicht. Gezielt und intensiv habe der Angeklagte zugeschlagen, hieß es in der Urteilsbegründung. „Die Verletzungen sind dem Opfer mit derartiger Gewalt zugefügt worden, dass auch ein Laie erkennen musste, dass diese zum Tode führen könnten“, sagte Richterin von Hasseln-Grindel. Verteidiger Nordhausen will gegen das Urteil beim Bundesgerichtshof Revision einlegen.

Einig waren sich Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung über das Strafmaß. Denn Tobias Sch. hat alles andere als eine weiße Weste. Fünfmal stand er in seinem jungen Leben bereits vor Richtern am Amtsgericht in Senftenberg und jetzt vor dem Landgericht in Cottbus. Immer war er für diverse Vergehen schuldig gesprochen worden. Zweimal wurde er zu Jugendhaft verurteilt, deren Vollzug jedoch auf Bewährung ausgesetzt wurde. Ein Jahr und drei Monate Gefängnis waren ihm für eine Erpressung angedroht worden, ein Jahr und sechs Monate für Brandstiftung. Er hatte einen Döner-Stand in Senftenberg angezündet. Die letzte Verurteilung lag noch nicht einmal acht Wochen zurück, als er den unschuldigen Rentner am Senftenberger See zusammenschlug. Diese Strafen flossen in das gestrige Urteil des Landgerichtes von sechseinhalb Jahren Jugendhaft ein.

Tobias Sch. hat nun in der Jugendhaftanstalt die Chance, einen Beruf zu erlernen. Er hat nach Auskunft seines Verteidigers bereits eine Ausbildung als Maler und Lackierer begonnen. Bisher war der junge Mann seit Ende der Schulzeit arbeitslos. Ein berufsvorbereitendes Jahr hatte er abgebrochen.