Der Tag der Urteilsverkündung gegen drei Mitglieder der berüchtigten Leipziger Kinderbande beginnt mit einem Eklat. Einer der Angeklagten ist am ges trigen Donnerstag nicht im Amtsgericht Leipzig erschienen. Der Vorsitzende Richter schaut fragend, der Anwalt des 15-Jährigen zuckt die Schultern. Nein, er wisse nicht, wo sein Mandant sei. Die Mutter des Jugendlichen meldet sich zu Wort: "Mein Sohn ist Dienstagfrüh zu Hause los. Bisher habe ich nichts mehr von ihm gehört." Die Frau ist verzweifelt.

Nach einer kurzen Wartezeit entscheidet Richter Stefan Blaschke, dass es auch ohne den Jugendlichen geht. So hört später nur dessen Anwalt, wie der 15-Jährige wegen schweren Bandendiebstahls zu anderthalb Jahren Jugendstrafe verurteilt wird. Ein schmächtiger 14-Jähriger kommt mit einem Jahr Jugendstrafe auf Bewährung davon. Der Älteste, ein erheblich vorbestrafter 22-Jähriger, wird zu zwei separaten Haftstrafen von drei Jahren sowie einem Jahr und einem Monat verurteilt. Beide muss er verbüßen.

Die drei jungen Männer sind mit anderen Mitgliedern der Bande, darunter mehrere strafunmündige Kinder, monatelang in Leipziger Geschäften klauen gegangen. Hunderte Diebstähle sollen auf ihr Konto gehen. Die Masche war immer gleich: Ein paar pöbelten und schubsten - und zogen so die Aufmerksamkeit des Ladenpersonals auf sich. Ein anderer suchte derweil in Aufenthaltsräumen oder Lagern nach Bargeld und Handys oder klaute etwas aus dem Laden. Verhandelt wurde jetzt, so sagt es Staatsanwältin Anett Schneider, "nur die Spitze des Eisberges".

An die mutmaßlichen Rädelsführer der Bande kommen Polizei und Justiz gar nicht erst heran. 13-jährige Zwillingsbrüder aus dem Plattenbau-Stadtteil Grünau sollen praktisch bei jeder Diebestour dabei gewesen sein. Nachdem die Aufregung um die Kinderbande immer größer wurde, griffen die Behörden im Herbst dieses Jahres durch. Die Zwillinge wurden getrennt und in Jugendhilfeeinrichtungen außerhalb Leipzigs untergebracht. Als mögliche Zeugen wurden die Zwillinge vor dem Amtsgericht gegen ihre ehemaligen Komplizen nicht gehört - aus Sorge, sie könnten in einer Pause einfach stiften gehen.

Den jetzt verurteilten Bandenmitgliedern stellte Richter Blaschke durchwachsene Prognosen. Der Älteste sei drogensüchtig und habe keinen Beruf, er habe bisher mit Diebstählen seinen Lebensunterhalt und sein Rauschgift finanziert. Der 14-Jährige wohne jetzt in einem betreuten Heim in Sachsen-Anhalt und gehe wieder zur Schule. Bei ihm seien positive Ansätze zu sehen. Schwierig sei es bei dem jungen Mann, der gar nicht zur Urteilsverkündung kam. Das weiß auch seine Mutter. "Er läuft jetzt einfach weg", sagt sie unter Tränen. Dabei sei er eigentlich ein ganz lieber Junge.