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| 02:44 Uhr

Häuser am Grubenteich Lauchhammer müssen weichen

Die Grubenteichsiedlung in Lauchhammer steht auf einer mächtigen Kippe des Alttagebaus Mückenberg III, dessen Restloch verfüllt ist. Die lockeren Sande bergen auch über den wassergesättigten Zustand hinaus die Gefahr von Grundbrüchen.
Die Grubenteichsiedlung in Lauchhammer steht auf einer mächtigen Kippe des Alttagebaus Mückenberg III, dessen Restloch verfüllt ist. Die lockeren Sande bergen auch über den wassergesättigten Zustand hinaus die Gefahr von Grundbrüchen. FOTO: LMBV/Peter Radke
Lauchhammer. Das Schicksal der Grubenteichsiedlung Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) ist besiegelt: Das Wohngebiet mit 14 Eigenheimen und weiteren Mietshäusern muss vom unsicheren Tagebaugrund weichen. Die Standortverlagerung, wie das Problem verbal freundlich umschrieben wird, ist im Lausitzer Sanierungsbergbau bisher ebenso beispiellos wie der Umgang mit den Betroffenen. Kathleen Weser

Das Leben auf der Kippe hat Egon Gückel (83) "das Rückgrat gebrochen". Der Rentner, der als Flüchtlingskind "nur mit einem Handwagen und wenigen Habseligkeiten" in die Lausitz gekommen war, hat sich mit der Familie in der Wohnsiedlung am Grubenteich in Lauchhammer ein einfaches, schmuckes Häuschen ausgebaut. Vor fünf Jahren, nach dem Unglück von Nachterstedt, bei dem Wohnhäuser in den Concordiasee abgerutscht und drei Menschen gestorben waren, ist auch sein Leben aus den Fugen geraten. Sachverständige haben im Auftrag der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) den Baugrund der Grubenteichsiedlung untersucht und für unsicher erklärt.

Das bisher auf gewachsenem Boden geglaubte Wohngebiet steht tatsächlich auf einer sechs Meter mächtigen Kippe des Alttagebaus Mückenberg III. Der Boden hat nur einen Feinkornanteil von fünf bis zehn Prozent und ist damit extrem locker gelagert. Bei 25 bis 30 Prozent müsste er liegen, damit das Korngefüge standsicher zusammenhält.

Das Grundwasser ist inzwischen wieder auf eine Höhe von einem bis 1,20 Meter unter der Erdoberfläche angestiegen. Die wassergesättigte Kippe und die lockeren Sande haben die Gutachter zu dem Schluss kommen lassen: Bautechnische Verbesserungen und der dauerhafte Erhalt des Wohnstandortes sind nicht möglich.

Trotzdem ist den Bewohnern immer wieder und zuletzt erst im Januar dieses Jahres versichert worden, dass sie dauerhaft in ihren Häusern leben könnten. Drei Filterbrunnen sind von der Bergbausaniererin gebaut worden, um das Grundwasser in der Kippe abzusenken. Vor wenigen Tagen hat die LMBV mitgeteilt, "die Gebäude der Grubenteichsiedlung sind aufgrund der Materialeigenschaften des anstehenden Kippenbodens sowie der teilweise stark vorgeschädigten Wohnbebauungen" auch mit dem Brunnen-Trio "langfristig nicht sicher". Bund und Land als Finanziers der Bergbausanierung hätten die LMBV mit weiteren Untersuchungen beauftragt. Die "nachhaltige Lösung" für die Grubenteichsiedlung solle im vierten Jahresquartal, also nach der Landtagswahl, vorliegen.

Die Hiobsbotschaft haben die Grubenteich-Siedler allerdings sofort begriffen: Sie müssen ihre Häuser räumen. Und mit der schonungslosen Wahrheit können sie sogar umgehen. "Maßlos verärgert sind wir über die Halbwahrheiten und Lügen, mit denen wir hingehalten werden. Mit uns hat keiner geredet. Wir haben die Nachricht aus den Medien erfahren", erklärt Monika Kathke, die Sprecherin der inzwischen gegründeten Bürgerinitiative Grubenteichsiedlung.

Im Namen der Betroffenen haben die Landtagsabgeordneten Gabriele Theiss (SPD) und Ingo Senftleben (CDU) jetzt "Klarheit und den Mut zur Wahrheit" gefordert. Beide treten im gleichen Wahlkreis als politische Gegner um das Direktmandat im nächsten Brandenburger Landtag an. Der Schulterschluss für die Betroffenen der Grubenteichsiedlung ist für sie trotzdem selbstverständlich. Das haben die Abgeordneten auch mit einer gemeinsamen Anfrage an die Landesregierung im Landtag am gestrigen Mittwoch untermauert. "Hier geht es um Menschen", fordern die Politiker eindringlich ein, dass die Bergbausaniererin, die Bergbehörde und das Land Brandenburg gemeinsam ihre Verantwortung gegenüber den Betroffenen endlich wahrnehmen. "Diese Betroffenheit von Menschen durch für sie unbeeinflusste Bergbaufolgen ist im Land bisher beispiellos", so Gabi Theiss. Im Fall der Absiedlung stehe eine Entschädigung der Grundstücke und Häuser, die bereits hohe Wertverluste verzeichneten, zum Verkehrswert an. "Dies ist jedoch für die Bürger, die ihr Lebenswerk und ihre Altersvorsorge verlieren, völlig inakzeptabel", erklärt sie weiter. Im Vergleich zu Umsiedlungen für den aktiven Bergbau, in deren Folge den Menschen eine neue Lebensgrundlage garantiert werde, seien die Opfer des Sanierungsbergbaus extrem benachteiligt. "Das ist eine grobe Ungerechtigkeit. Wir fordern, dass in diesem beispiellosen Fall der Grubenteichsiedlung ein gerechter Ausgleich für die Bewohner hergestellt wird. Wir wollen, dass die Betroffenen des Sanierungsbergbaus genauso akzeptabel und auskömmlich entschädigt werden wie die Betroffenen des aktiven Bergbaus", bekräftigen beide Politiker übereinstimmend.

Zum Thema:
Die Grubenteichsiedlung in Lauchhammer-West (Oberspreewald-Lausitz) steht auf einer etwa sechs Meter mächtigen Kippe des Alttagebaus Mückenberg III. Das haben Untersuchungen im Auftrag des Landesamtes für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR) Brandenburg im Jahr 2011 ergeben. Die Sachverständigen sind schon damals zu dem Schluss gekommen: Bautechnische Verbesserungen und der dauerhafte Erhalt des Wohnstandortes sind nicht möglich. Seitdem ist an technischen Lösungen herumgedoktert worden. Der Bund als Mitfinanzier der Bergbausanierung hat jetzt Veto dagegen eingelegt, ohne Erfolgsaussichten weiter Geld auszugeben. Das heißt: Die Grubenteichsiedlung Lauchhammer wird abgesiedelt.