Erst ist Trauer und Mitgefühl. Dann kommt lange Zeit nichts, gar nichts.

Die schrecklichen Terrorakte in Paris, die in einer einzigen Nacht so vielen Menschen das Leben kosteten, werden die westlichen Gesellschaften noch lange, lange Zeit beschäftigen. Der 13. November markiert eine Weggabelung in der europäischen Geschichte. Aber der Wegweiser ist noch unbeschriftet.

Es liegt an den Europäern selbst, etwas drauf zu schreiben. Zur Wahl stehen die Alternativen "Weiter so" und "Neubeginn". Viel spricht dafür, dass den politischen Führern gegenwärtig die Fantasie fehlt für die Ausgestaltung der zweiten Option. Aber ausgeschlossen ist es keineswegs, dass die europäischen Länder aus der Boshaftigkeit der Anschläge eine Lehre ziehen, die den zerstrittenen Taumelkurs korrigiert und den Stempel einer selbstbewussten Unabhängigkeit trägt.

Trauer, Trotz und Wut

Die ersten Reaktionen nach dem Horror von Paris waren geprägt von Trotz. Sätze wie "Jetzt erst recht" und "Wir lassen uns unseren Lebensstil nicht nehmen!" fielen oft. Sie helfen, den Schrecken zu verarbeiten. Hier und da schwang leise ein Unterton mit, der in der politisch korrekten Welt West- und Mitteleuropas eher tabu ist, aber ebenfalls ein sehr menschliches Gefühl ausdrückt: Wut. Ein Satz wie "im Angesicht des Krieges muss das Land die angemessene Entscheidung treffen" sieht zwar aus wie eine vernünftige Ankündigung, fühlt sich aber anders an. Er riecht nach Rache.

In der Rede des französischen Präsidenten schwang sogar eine gewisse Kriegslüsternheit mit - eine durchaus kalkulierte, gleichzeitig aber auch eine ehrliche Rede im Angesicht der Schreckensnacht. "Frankreich wird unerbittlich gegenüber den Barbaren von Daesh sein" (wobei "Daesh" ein Synonym für die Terrorgruppe "Islamischer Staat" ist, die sich zu den Anschlägen bekannt hat. Die Gruppe empfindet die Bezeichnung "Daesh" als Beleidigung).

Noch mehr Krieg?

Heute, wo die Emotionen noch immer stark sind, das Gehirn aber auch schon wieder seine vernunftgetriebene Arbeit verrichtet, drängt sich diese eine große Frage auf: Wie geht es weiter? Krieg dem Kriege durch noch mehr Krieg? Eine Kriegserklärung gegen die "Barbaren des Daesh" tut ohne Zweifel vielen Menschen erst mal gut in der Seele. Tatsächlich fliegen französische Militärs aber schon seit geraumer Zeit Angriffe gegen den so genannten "Islamischen Staat" (IS). Da muss nichts mehr erklärt werden.

Das Problem liegt ohnehin tiefer. Ein militärischer Sieg gegenüber dem IS beendet noch lange nicht das unübersichtliche Kriegsgeschehen im Nahen Osten. Involviert sind neben der Supermacht USA zahlreiche Kriegsparteien, die sich in wechselnden Bündnissen wiederfinden und von unterschiedlichen Interessen getrieben werden.

In dieser verzwickten Lage also stellt sich die zentrale Frage: Braucht die Welt noch mehr Krieg? Ist es nicht gerade die Gewalt, die dem Terror den Nährboden breitet?

Europa, sei stark

Europa kann sich allerdings nicht einfach aus den Kriegen heraus stehlen - nach den Terroranschlägen in Paris noch weniger als zuvor. Und es wäre auch fatal, sich naiv zu stellen und wehrlos zu machen nach dem Motto: Sieh, ich tu dir nichts, tu du mir auch nichts.

Alles das nicht. Aber die wichtigsten europäischen Länder könnten damit beginnen, eine gemeinsame und eigenständige Außenpolitik zu formulieren, die auch Russland und die Türkei mit einbezieht. Dabei muss eine europäische Außenpolitik nicht notgedrungen mit der amerikanischen übereinstimmen. Länder wie Russland, die Türkei oder auch Syrien liegen nicht auf dem amerikanischen Kontinent, sondern in Eurasien. In unmittelbarer Nachbarschaft.

Mehr als Trotz

"Nous n'avon pas peur" steht auf einem Karton, aufgestellt auf dem Place de la Republique in Paris. "Wir haben keine Angst!" Eine Trotzreaktion. Eine gute Reaktion. Und mehr als das. Eine Losung. Sie sollte auch für die künftige Politik Europas gelten.