Das Bildungsministerium will so schnell wie möglich mit ihm und den anderen zwei weggelaufenen Jugendlichen sprechen. „Wenn wir die Vorwürfe nicht zweifelsfrei ausräumen können, müssen wir Konsequenzen ziehen“, sagte ein Sprecher. Geklärt werden müsse zunächst, ob sich die Anschuldigungen gegen einzelne Erzieher oder gegen die gesamte Einrichtung richten.

Der Junge aus dem Saarland war gemeinsam mit zwei 16-Jährigen aus Hamburg und Berlin in der Nacht zum Mittwoch verschwunden. Nach Angaben ihres Hamburger Anwaltes, Rudolf von Bracken, sind sie vor Gewalttaten und Demütigungen geflohen. Gegen Erzieher und Heimbetreiber wird bereits wegen Misshandlungsvorwürfen ermittelt. Die Betreiber der Einrichtung weisen die Vorwürfe zurück.


Seit geraumer Zeit gibt es Vorwürfe gegen die Einrichtungen im Raum: Bewohner sollen mehrere Tage auf Liegen fixiert worden sein, es soll auch zu Knochenbrüchen gekommen sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bislang in acht Fällen. Dazu zählen zwei frühere Todesfälle in den Jahren 2005 und 2008, die nochmals untersucht werden. Die Polizei prüfe zudem drei weitere Fälle, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Erstmals kommen auch von einem früheren Heim-Mitarbeiter schwere Vorwürfe. Er habe während seiner Beschäftigung in den geschlossenen Heimen in Jessern und Müncheberg von 2008 bis 2010 „Isolation, Fixierungen und militärischem Drill“ miterlebt, sagte ein ehemaliger Mitarbeiter dem rbb-Nachrichtenmagazin „Brandenburg aktuell“. Dabei sei man gegen Kinder und Jugendliche schon in Fällen trotzigen Verhaltens körperlich vorgegangen - und nicht erst bei Eigen- oder Fremdgefährdung. Beispielsweise sei bei Beleidigungen gegenüber Erziehern die sogenannte „Handklemme“ angewandt worden, die mit Schürfwunden, Schmerzen und Tränen verbunden gewesen sei.

Die Vorwürfe der drei weggelaufenen Jungen beziehen sich nach Angaben ihres Anwalts auf aktuelle Übergriffe. „Davor sind sie aus dem Heim geflohen“, sagte von Bracken. Die Misshandlungen hätten auch zu Verletzungen geführt, die ärztlich behandelt werden mussten. Diese Fälle seien jedoch als Unfälle vertuscht worden. Er forderte die Brandenburger Behörden auf, der Haasenburg GmbH die Betriebserlaubnis zu entziehen.

Der Jurist hat nach eigenen Angaben per Eilverfahren bei Gericht beantragt, die Genehmigung zur Unterbringung im Heim aufzuheben. „Die Maßnahme ist ungeeignet und schadet dem Kindeswohl“, erklärte von Bracken. Da die Jungen im Alter von 15 und 16 Jahren aus unterschiedlichen Bundesländern kommen, sind Behörden in Hamburg, im Saarland sowie in Berlin und Brandenburg beteiligt.

Durch die Vermittlung einer Hamburger Sozialeinrichtung haben die Jungen eine neue Bleibe gefunden. „Sie sind an uns herangetreten und standen vor unserer Tür“, sagte die Sprecherin des „Rauhen Haus“ Hamburg, Sylvia Nielsen, und bestätigte damit einen Bericht des Radiosenders NDR 90,3. Die Jugendlichen seien weitervermittelt worden. Zu dem Aufenthaltsort wollte sie sich nicht äußern. Die Polizei in Cottbus hatte nach Angaben eines Sprechers dazu keine Erkenntnisse.

In den umstrittenen Einrichtungen sind Kinder und Jugendliche aus 14 Bundesländern untergebracht. Der Betreiber weist die Anschuldigungen zurück. Brandenburg erwägt inzwischen - wie in anderen Bundesländern bereits geschehen - die Abschaffung geschlossener Heime.

Am Donnerstag hatten Ermittler die Einrichtungen durchsucht und Akten sichergestellt. Am Freitag informierten sich Experten in allen drei Heimen der Haasenburg GmbH in Jessern, Neuendorf in Unterspreewald (Kreis Dahme-Spreewald) und in Müncheberg (Kreis Märkisch-Oderland). „Wir konnten einen ersten Kontakt zu den Mitarbeitern und den Jugendlichen herstellen und unser Vorgehen erläutern“, sagte Psychologe Martin Hoffmann, Leiter der unabhängigen Untersuchungskommission, danach.

Bildungsministerin Martina Münch (SPD) erhofft sich von dem Gremium eine vollständige Aufklärung der Vorwürfe, die bis 2006 zurückreichen. Sie erwartet den Bericht zum Jahresende. Einen ersten Zwischenbericht wolle die Kommission im September vorlegen, sagte Hoffmann. Den neuen Vorwürfen will das Ministerium nach Angaben eines Sprechers schnell wie möglich nachgehen und Kontakt zu den Jugendlichen aufnehmen. „Es wäre wünschenswert, dass sich ihr Anwalt an uns beziehungsweise das Landesjugendamt wendet“, sagte der Sprecher.

Eine ehemalige Bewohnerin der umstrittenen Heime äußerte sich positiv über ihren Aufenthalt dort. „Mir hat die Zeit dort sehr geholfen“, sagte die 25-Jährige Brandenburgerin, die anonym bleiben will, der Nachrichtenagentur dpa. Zwar seien die „Haasenburg-Regeln“ streng. Misshandlungen oder Übergriffe habe sie während ihrer dreijährigen Zeit im Heim aber nicht erlebt, sagte sie. Nach eigenen Angaben lebte die 25-Jährige von 2007 bis 2009 in den Häusern Jessern und Müncheberg. Der Grund waren psychische und familiäre Probleme. Nach ihrer Entlassung habe sie eine Lehre begonnen, heute nehme sie keine Drogen mehr und habe einen festen Job.