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Haasenburg beschäftigt Justiz noch immer

Grausamer Ort mit Misshandlungen und Demütigungen? Bis heute konnte keine derartige Tat in der Haasenburg juristisch nachgewiesen werden.
Grausamer Ort mit Misshandlungen und Demütigungen? Bis heute konnte keine derartige Tat in der Haasenburg juristisch nachgewiesen werden. FOTO: Wendler
Cottbus. Vier Jahre nach dem Skandal um eine geschlossene Heimeinrichtung in der Region dauert die Aufarbeitung der Vorwürfe weiter an. Anna Ringle und Simone Wendler

Als Erziehungsheim-Skandal erschütterte der Fall vor vier Jahren Brandenburg und sorgte für bundesweite Schlagzeilen. Die Haasenburg, eine privat geführte Einrichtung mit drei Standorten in Neuendorf am See, Jessern (beide Dahme-Spreewald) und Müncheberg (Märkisch-Oderland), war eines der wenigen Heime in Deutschland, das auch eine geschlossene Unterbringung von besonders schwierigen Jugendlichen anbot. Jugendämter aus ganz Deutschland machten davon Gebrauch.

Heimbewohner sollen dort jedoch von Erziehern drangsaliert und gedemütigt worden sein, so die Vorwürfe, die 2013 in die Öffentlichkeit kamen. Das Land nahm sich den Fall vor, setzte eine Untersuchungskommission ein. Innerhalb weniger Monate kam es 2013 erst zum Belegungsstopp und dann zur kompletten Schließung der Einrichtung mit insgesamt rund 150 Arbeitsplätzen.

Seither läuft die juristische Aufarbeitung der Fragen, ob die Schließung gerechtfertigt war und ob sich ehemalige Mitarbeiter in der Einrichtung strafrechtlich schuldig gemacht haben. Ein ehemaliger langjähriger Mitarbeiter der Haasenburg hatte 2013 gegenüber der RUNDSCHAU den privaten Betrieb solcher Einrichtungen und die mangelnde Qualifikation einiger Mitarbeiter der Haasenburg kritisiert. Er warf jedoch der Politik auch Ahnungslosigkeit darüber vor, aus welchen Verhältnissen einige der damals dort untergebrachten Jugendlichen kämen.

Voraussichtlich Ende November wird nun nach Auskunft des Verwaltungsgerichtes Cottbus die Klage des damaligen Betreibers gegen den Entzug seiner Betriebserlaubnis durch das Land Brandenburg verhandelt. Auf Weisung der damaligen Jugendministerin Martina Münch (SPD) waren die drei Standorte dichtgemacht worden. Zuvor hatte eine vom Ministerium beauftragte Untersuchungskommission einen Bericht vorgelegt, der Missstände in den Heimen anprangerte. Kritisiert worden war jedoch auch eine mangelnde Kontrolle durch die Heimaufsicht des Landes.

Eine Zivilklage des ehemaligen Haasenburg-Betreibers liegt derweil beim Landgericht Potsdam. Die Richter in der Landeshauptstadt sollen klären, ob ihm Schadenersatz zusteht. Das Verfahren wurde jedoch ausgesetzt, bis eine rechtskräftige Entscheidung des Verwaltungsgerichtes vorliegt, ob der Entzug der Betriebserlaubnis durch das Land verwaltungsrechtlich in Ordnung war.

Für die Einweisung von Kindern und Jugendlichen in den geschlossenen Teil der Haasenburg waren Beschlüsse der zuständigen Familiengerichte notwendig. Die Misshandlungsvorwürfe führten jedoch schnell zu einer Grundsatzdebatte über die Unterbringung in geschlossenen Heimen. Unter Kinder- und Jugendpsychiatern sowie Heimerziehern gehen die Meinungen darüber auseinander. Seit Schließung der Haasenburg gibt es keine derartige Jugendhilfeeinrichtung mehr in Brandenburg.

Die strafrechtlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Cottbus zu den Vorgängen in der Haasenburg begannen nach Auskunft von Oberstaatsanwältin Petra Hertwig mit 72 Verfahren gegen mehr als 40 namentlich bekannte Personen und 17 Verfahren gegen Unbekannt. Die Verfahren gegen Unbekannt und 67 Verfahren gegen bekannte Beschuldigte wurden inzwischen eingestellt.

Drei Verfahren kamen zur Anklage vor Gericht. Zweimal ging es um den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs. Einer der Prozesse gegen einen Ex-Betreuer wurde gegen die Zahlung einer Geldbuße eingestellt. In dem anderen Verfahren erhielt ein ehemaliger Erzieher eine Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren.

Der bislang einzige Prozess gegen einen Haasenburg-Betreuer wegen körperlicher Gewalt endete 2015 mit einem Freispruch. Das angebliche Opfer, ein beim Prozess inzwischen 18-Jähriger, war vor dem Amtsgericht Lübben nicht in der Lage gewesen, die Ereignisse an dem fraglichen Abend zusammenhängend zu schildern. Den Vorwurf, geschlagen worden zu sein, wollte er vor Gericht nicht wiederholen. Zwei Jahre nach der Schließung der Haasenburg lebte er obdachlos in Thüringen.

Zwei Ermittlungsverfahren, die sich mit mutmaßlichen Misshandlungen am Haasenburg-Standort Müncheberg befassen, sind nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Cottbus noch nicht beendet. Das ehemalige Haasenburg-Heim an diesem Standort ist inzwischen Flüchtlingsquartier. Auch im Haus am See in Neuendorf kamen bis Ende 2016 Geflüchtete unter. Die Einrichtung in Jessern sollte ebenfalls für Flüchtlinge genutzt werden. Dazu kam es aber nicht.