D er Fall Uwe Barschel und kein Ende: 24 Jahre nach dem mysteriösen Tod des früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten sorgt nun ein einzelnes Haar für Wirbel. Es ist verschwunden – und gibt den Spekulationen neuen Auftrieb, dass der CDU-Politiker nach seinem durch einen Skandal erzwungenen Rücktritt 1987 möglicherweise ermordet wurde.

Das einzelne schwarze Haar stammt nicht von Barschel selbst und wurde nach seinem Tod in einem Genfer Hotel auf dem Bett des Hotelzimmers sichergestellt. Nach einer Expertise der Schweizer Behörden stammt es nicht von Uwe Barschel. Es lagerte seit 1997 zusammen mit anderen Asservaten zu dem Fall in einem Stahlschrank in der Lübecker Staatsanwaltschaft – gesichert in einer kleinen und einer größeren verschließbaren Plastiktüte. Jedenfalls geht deren Sprecher Günter Möller davon aus. „Wenn das Haar auf der Asservatenliste von 1997 verzeichnet ist, gehe ich davon aus, dass es auch bei uns im Hause war“, sagt er.

Im Juni dieses Jahres wurden die Tüten für eine DNA-Analyse zum Landeskriminalamt nach Kiel geschickt. Als sie dort ankamen, waren sie leer. Barschels Witwe Freya und ihr Anwalt Justus Warburg glauben nicht an einen Selbstmord Barschels nach seinem politischen Absturz, sondern sehen ihn als Opfer einer großen politischen Verschwörung, die selbst vor Mord nicht zurückschreckte.

Nun hat Freya Barschel wegen des verschwundenen Haars Strafanzeige gegen die Lübecker Staatsanwaltschaft gestellt. Ihr Vorwurf: Strafvereitelung im Amt. Da die Lübecker Staatsanwaltschaft nicht gegen sich selbst ermitteln kann, ohne in den Verdacht der Befangenheit zu geraten, hat sie den Generalstaatsanwalt eingeschaltet. Dessen Sprecher Heinz Döllel sagte am Freitag: „Wir werden Mitte nächster Woche entscheiden, welche Staatsanwaltschaft die Anzeige bearbeiten wird.“

Für Anwalt Warburg ist das Verschwinden ein Skandal. „Das kann doch kein blöder Zufall sein, dass das Haar ausgerechnet jetzt, wo es kriminaltechnisch untersucht werden sollte, verschwindet“, sagte Warburg am Freitag. Er geht sogar noch einen Schritt weiter. Theoretisch könnte es auch im Labor selbst noch beiseitegeschafft worden sein, schließlich sei es ein wichtiges Beweismittel.

Barschel war am 11. Oktober 1987 tot in der Badewanne seines Genfer Hotelzimmers gefunden worden. Ob es Mord oder Selbstmord war, konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden. Einer derjenigen, die einen Mord an dem Politiker für wahrscheinlich halten, ist der frühere Chef der Lübecker Staatsanwaltschaft, Heinrich Wille. Er leitete von 1994 bis 1998 das Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des Mordes an Uwe Barschel, das schließlich ohne Ergebnis eingestellt wurde. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Haar in Lübeck verschlampt oder gestohlen wurde. Ich vermute vielmehr, dass es nie bei uns angekommen ist“, sagt er. Nach Willes Ansicht ist das aber auch nicht weiter dramatisch. „Ich glaube nicht, dass das Haar ein relevantes Beweismittel ist. Wem wollte man denn die daraus gewonnene DNA zuordnen? Die Tatbeteiligten von damals sind mit Sicherheit nicht in irgendwelchen DNA-Datenbanken erfasst. Das waren Profikiller“, sagt Wille.

Damit spielt er auf Spekulationen an, dass Barschel möglicherweise in dunkle Waffengeschäfte verwickelt gewesen sein könnte und deshalb ermordet wurde. „Außerdem frage ich mich, wie das Haar eines möglichen Täters auf das Kopfkissen von Barschels Bett gekommen sein soll“, meint Wille. „Das passt so gar nicht zum Tatgeschehen, wie es sich nach der Spurenlage darstellt. “