Dessen kann er sich seit Mittwoch aber nicht mehr sicher sein. In seltener Offenheit berichtete Fraktionschef Gregor Gysi vor Journalisten über den Auftritt der SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan vor der Linksfraktion am Vortag und schloss: "Ein Großteil wird sie wohl wählen wollen." Laut Gysi werden die rund 92 linken Mitglieder der Bundesversammlung am 23. Mai im ersten Wahlgang noch geschlossen für Sodann stimmen. Dabei geht es um die absolute Mehrheit von 613 Stimmen. Aber, so Gysi, "schon im zweiten Wahlgang gibt es Schwierigkeiten". Auch hier gilt die absolute Mehrheit. In der dritten Runde dann, bei der es mit einfacher Mehrheit zum Stichentscheid kommt, sei alles offen. Die endgültige Festlegung werde man nach jeder Runde treffen. "Es kann auch sein, dass wir sagen: Stimme doch jeder, wie er will", erklärte Gysi.Allerdings glaubt der Links-Fraktionschef nicht, dass es überhaupt zum dritten Wahlgang kommt. Er rechnet damit, dass es in der SPD Abweichler gibt, die Köhler schon vorher zur erforderlichen Mehrheit verhelfen. Schwan hatte bei ihrem Auftritt offenbar auch Gysi beeindruckt: Sie habe Charakter und Durchsetzungsfähigkeit. "Sie hat ein bisschen bei uns gewonnen", so Gysi. Zu Sodann, der bisher eher durch flapsige Interviews auffiel ("Ich würde Ackermann verhaften.") sagte Gysi, dass er "nichts dagegen hätte, wenn er eine politisch grundsätzliche Rede halten würde". Den Vorwurf, Linke-Parteichef Oskar Lafontaine sei ein "Demagoge" habe Schwan bei dem Treffen zurückgenommen, jedoch wiederholt, dass sich Lafontaine "demagogischer Methoden" bediene. Lafontaine habe das akzeptiert und gesagt, wenn er mit jedem, der ihn kritisiere, nicht mehr reden würde, hätte er außerhalb der Linken kaum noch Gesprächspartner. Außerdem habe Schwan deutlich gemacht, dass sie eine Unterstützung der Linken für ihre Kandidatur "mittelbar" als Signal für eine rot-rote Zusammenarbeit empfinde. Gysi kritisierte, dass die SPD bisher wegen der Präsidentschaftsfrage keinerlei Kontakt mit der Linken aufgenommen habe. "Aber für die Art, wie uns Müntefering behandelt, können wir Frau Schwan nicht in Verantwortung nehmen." Schwan war schon bei den Grünen und der FDP aufgetreten. Im Februar hatte sie den Freien Wählern in Bayern ihre Aufwartung gemacht und dort erreicht, dass deren zunächst angekündigtes Ja zu Köhler wieder ungewiss ist. Köhler kann ohne diese Gruppe oder Abweichler aus dem linken Lager nicht mit der absoluten Mehrheit in den ersten beiden Wahlgängen rechnen.