Eben jene «Heimatliebe“ , die auch Vattenfaller für sich reklamierten, die am Firmengelände auf die Demonstranten warteten – der Grundkonflikt der Kohle.

Es war eine bunte Menschenmenge, die sich da bei strahlendem Sonnenschein auf das Kraftwerk Jänschwalde (Spree-Neiße) zubewegte. Vertreter von knapp 100 Umweltorganisationen der „Klima-Allianz“ hatten ihren Protest angemeldet, und gekommen waren Abgesandte von Attac und Greenpeace, von BUND und Nabu, Grüne Liga sowie Vertreter verschiedener Landeskirchen. Mit der Aktion solle der Druck auf Vattenfall erhöht werden, die Pläne zur Ausweitung der Lausitzer Tagebaue und für einen Neubau des Kraftwerkes Jänschwalde fallen zu lassen, erklärten die Veranstalter.

Und so kam es, dass der junge Chris aus Berlin mit seiner Forderung „Kohle nur noch zum Grillen“ direkt neben Stefanie und Regina Krautz lief, die beide Jänschwalder Tracht trugen. „Wir sind von hier“ , sagten die beiden. „Wir wollen, dass Schluss ist mit der Abbaggerung. Die Kohle zerfrisst die Landschaft und zerstört Leben.“
„Wir sind von hier“ , sagte zeitgleich und nur wenige Hundert Meter entfernt auch Reinhardt Hassa, Vorstandsvorsitzender von Vattenfall Europe Mining & Generation. „Was wir hier geschafft haben, zeigt doch, dass wir in Bewegung sind. 50 Millionen Tonnen Kohlendioxidausstoß haben wir seit 1990 eingespart, so viel hat keine andere Industrie eingespart.“ Ein Erfolg der neuen Technologien zur Abscheidung von CO 2 würde die Bemühungen zur Erfüllung der Klimaziele entscheidend voranbringen, so Hassa.
Gerade diese Technologien sind unter den Ökologen umstritten: Zum einen, erklärte etwa René Schuster von der Grünen Liga, kämen sie zu spät zum Einsatz, um wirkungsvoll gegen den Klimawandel eingesetzt zu werden, zum anderen würden sie die Kohleproblematik nur verschärfen – durch Abscheidung sinkt die Effizienz der Energieausbeute, der Flächenbedarf für den Tagebau steigt.
Zu einer Diskussion um das Für und Wider ihrer Standpunkte kam es in Jänschwalde aber nicht. Wilfried Schreck, Gesamtbetriebsratschef von Vattenfall: „Zumindest konnten wir uns im Vorfeld darauf einigen, dass wir uns hier heute gegenseitig in Ruhe lassen. Es gab zwar viele aus der Belegschaft, die nicht verstanden haben, warum wir die Demo auf unserem Werksgelände überhaupt zugelassen haben, aber wir wollen zeigen, dass wir bereit sind, aufeinander zuzugehen.“ Und, auch das hörte man gestern aus Vattenfall-Kreisen: Es sei wichtig, dass die Umweltschützer von den Konzernen Innovationen einfordern, damit sich etwas in Richtung Klimaschutz bewege.

Akademischer Charme verliert sich
Wer oder was sich am Stand von Vattenfall bei Klima-Demonstrationen bewegte, war den Umweltschützern am Wochenende allerdings weniger wichtig. Sie ignorierten sogar die ökologisch korrekte Bio-Bratwurst, die der Energie-Konzern verkaufen wollte – der Erlös wäre dem „Cottbuser Aufbruch“ gegen Rechts zu Gute gekommen, dennoch hielten sich die Klimaschützer lieber an eigene Bio-Anbieter. Doch so friedlich sie war, die spätsommerliche Festival-Atmosphäre – spätestens als die „Klimazeugen“ zu Wort kamen, die erzählten, wie sich Klimawandel im Alltag anfühlt, spätestens da verging vielen Demonstranten der Appetit. „Wenn man hört, wie Kirgisistan, Tansania oder Bolivien schon heute ganz existenziell von Überschwemmungen und Dürre bedroht sind, dann verlieren unsere Debatten hier ihren akademischen Charme“ , so ein Teilnehmer. Oder, wie es Pfarrer Ingolf Gschenka am Abend im vom Abbaggerung bedrohten Kerkwitz formulierte: „Unsere Erde hat Fieber. Und dagegen hilft weder eine Sommer-Rodelbahn noch ein Findlingspark, so schön diese auch sein mögen.“

Der Abend gehörte den Einheimischen
Bei diesem Freiluftgottesdienst waren die Einheimischen fast unter sich, fast all die bunten Gestalten aus Berlin, Dresden und Leipzig waren wieder abgereist. „Aber die aus den Dörfern haben sich gefreut, dass so viele aus den Städten hier waren“ , sagte die Grünen-Europa-Abgeordnete Elisabeth Schroed ter. Und dennoch, der Abend gehörte den Lausitzern, und er war geprägt von scharfem Protest. Vor einigen Hundert Gläubigen und Besuchern griff Pfarrer Mathias Berndt scharf die Köpfe seiner eigenen Landeskirche an und sprach in einem Gleichnis von jenen, die zwar beten und trösten, aber sich nicht zu einer fundierten Meinung durchringen wollen, bis sie mehr Informationen über Klimawandel und neue Technologien gesammelt haben. Bei ihm wie auch bei vielen Anwohnern war zu spüren, wie schwer es ihnen fällt, mit ihren politischen Unterstützern klarzukommen. „Die Linken mit ihren alten Stasi-Seilschaften helfen uns, und die Grünen, die kaum Anhänger haben“ , sagte ein alter Atterwascher traurig.
In Brandenburg startet am 10. Oktober ein Volksbegehren gegen neue Braunkohletagebaue. Für einen Erfolg müssen binnen vier Monaten 80 000 Wahlberechtigte bei den Meldestellen unterschreiben.

Protest auch in Hessen
 Gegner von neuen Kohlekraftwerken haben am Samstag auch am Eon- Kohlemeiler Staudinger in Hessen protestiert. Dort hatten sich laut Veranstalter rund 5000 De mons tranten versammelt. Diese forderten Politiker und Energiekonzerne auf, den Neubau von Kohlekraftwerken zu stoppen. In Zeiten des Klimawandels könne Deutschland sich „ineffiziente und klimaschädliche Großanlagen nicht mehr erlauben“, erklärte der Publizist Franz Alt. Eine zukunftsfähige Energie müsse hocheffizient sein und vor allem auf erneuerbaren Energien beruhen.