Wenn ein neuer Deutscher Bundestag zusammenkommt, kann man schon mal nach Gefühlen fragen. Norbert Lammert zum Beispiel, wahrlich altgedient, antwortet, er empfinde "ein leichtes Kribbeln. Das ist ja kein Tag wie jeder andere." Später wird er als Bundestagspräsident mit einem Rekordergebnis von 94,6 Prozent zum dritten Mal wiedergewählt.

Michelle Müntefering ist hingegen noch richtig aufgeregt: "Endlich darf ich in den Plenarsaal", freut sich die frisch gewählte SPD-Abgeordnete.

Und selbst das alte Polit-Schlachtross Gregor Gysi wird leicht emotional: Er verspüre ein "angenehmes Gefühl", verrät der Fraktionschef der Linken, bevor er ein ums andere Mal fehlende Rechte für die Opposition beklagt.

Der Tag, an dem sich der 18. Deutsche Bundestag konstituiert, ist halt ein besonderer. Endlich geht es nach den harten Wochen des Wahlkampfes unter der Reichstagskuppel wieder los. Die Freude ist vielen der 631 Abgeordneten anzusehen. Vor Beginn der Sitzung fotografieren sich einige im Plenarsaal gegenseitig; man begrüßt und umarmt sich, die Fraktionsgrenzen zerfließen. Jeder plaudert irgendwie mit jedem. Es ist anfänglich das Gute-Laune-Parlament, das sich neu auf den blauen Polsterstühlen unter dem Bundesadler niederlässt.

Nur oben auf der Tribüne ist Zähnknirschen angesagt, denn einigen Zaungästen ist nicht gerade nach Heiterkeit zumute. Unter den Zuschauern sind nämlich auch abgewählte FDP-Mitglieder, darunter aber keine Minister. Obwohl sie noch geschäftsführend im Amt sind.

Während die Ressortchefs von CDU und CSU in der zweiten und dritten Abgeordnetenreihe und die Kanzlerin in der ersten Platz nehmen, weil die Regierungsbank bei der Auftaktsitzung des neuen Bundestages traditionell unbesetzt bleibt, wollen sich Rösler & Co die Gästetribüne nicht antun. "Es ist bitter", beschreibt der ehemalige Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Ernst Burgbacher, den Seelenzustand der Liberalen oben auf den Rängen. "Es ist halt bitter, da unten nicht mehr unsere Fraktion zu sehen."

Heinz Riesenhuber empfindet das offenbar genauso. Er erinnert zunächst an die Verdienste der FDP in den letzten Jahrzehnten. Viel Applaus gibt es dafür nicht. Mit 77 Jahren eröffnet der Hesse als Alterspräsident den Bundestag. Riesenhuber ist ein Phänomen, oder wie Umweltminister Peter Altmaier sagt: "Ein von allen geschätztes Original." Riesenhuber wirkt bei seinen Reden wie ein aus der Welt gefallener Professor.

Fraktionschef Volker Kauder hat ihm am Morgen beim Zählappell der Unions-Abgeordneten noch geraten, sich "auf die 80 Zentimeter zu konzentrieren", die man oben auf dem Präsidentenplatz an Bewegungsfreiheit hat. Riesenhuber neigt zu ausladenden Gesten und Bewegungen. Diesmal hält er sich weitgehend an Kauders Rat. Zunächst spricht er von den Herausforderungen Energiewende, Europa und Chancengleichheit im Land. Dann knöpft sich Riesenhuber aber die Abgeordneten selber vor: "Unser Ansehen in der Bevölkerung ist noch nicht oberhalb dem von Bischöfen", ruft er in Anspielung auf die Ereignisse in Limburg. Bundespräsident Joachim Gauck auf der Zuschauertribüne muss herzhaft lachen. Und: "Es ist gut für Deutschland, wenn die Abgeordneten fraktionsübergreifend mal ein Bier miteinander trinken."

Wieder großes Gelächter im Saal. Norbert Lammert mahnt die Parlamentarier nach seiner Wahl ähnlich launig: "Wir sind alle gewählt, nicht gesalbt." Er bekräftigt aber ebenfalls seine Haltung, auf Minderheitenrechte besonders zu achten - und sich deshalb wie schon bei früherer Gelegenheit auch mit den eigenen Leuten anzulegen.

Die Fröhlichkeit erhält einen Dämpfer, als es um die Wahl der Stellvertreter des Bundestagspräsidenten geht. Vertreter von Union und SPD verteidigen die Aufstockung des Präsidiums von fünf auf sechs Vizepräsidenten, davon zwei für die Union und zwei für die SPD. Das spiegle die Mehrheitsverhältnisse wider. Die Linke sieht darin ein "Geschmäckle". Gewählt werden alle sechs Vize mit deutlicher Zustimmung. Prompt ist die schlechte Stimmung auch wieder verflogen. Beim anschließenden Empfang auf der Fraktionsebene beherzigen dann auch einige Abgeordnete den Rat Riesenhubers - sie trinken ein Bier miteinander.

Zum Thema:
Union und SPD stellen jeweils zwei Bundestagsvizepräsidenten. Dies sind der CSU- Abgeordnete Johannes Singhammer, der ehemalige CDU-Generalsekretär Peter Hintze sowie für die SPD die früheren Bundesministerinnen Ulla Schmidt und Edelgard Bulmahn. Gewählt wurden zudem die frühere Grünen- Vorsitzende Claudia Roth und die Linke-Politikerin Petra Pau, die bereits Vizepräsidentin war. In der vergangenen Wahlperiode gab es fünf Vizepräsidenten, einen aus jeder Fraktion.