Auch nach dieser Nachtschicht will das freundliche Lachen aus dem gemütlichen Gesicht von Kåre Meier einfach nicht weichen. In einen Blaumann gekleidet und mit einer Tasse Kaffee in der Hand steht er am Mittwochmorgen vor seinem überdimensionalen Speziallaster und betrachtet das Geschehen um sich herum. Die kostbare Fracht wird gerade mit zwei Kränen von dem Rücken seines Fahrzeuges gehoben: Ein 44 Meter langes und sieben Tonnen schweres Rotorblatt, das sich eigentlich an einer Windkraftanlage drehen sollte. Am Dienstagmorgen war das Rotorblatt auf dem Werkgelände von Vestas Blades in Lauchhammer verladen worden. Einen Tag später streckt sich der Flügel nun neben dem Deutschen Technikmuseum in den blauen Berliner Himmel und soll Wahrzeichen für die Ausstellung "Windstärken" sein. Bis Februar 2013 wird das Blatt das Kreuzberger Stadtbild mitprägen.

Kåre Meier schaut nach dem nächtlichen Transport und nur drei Stunden Schlaf ungläubig durch seine Nickelbrille. Er lächelt und schüttelt fast unmerklich den Kopf. Der 61-jährige Däne staunt über das Tamtam.

Freilich, es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Rotorblatt durch die Straßen von Berlin gefahren wird. Schließlich steht in Berlin nur eine Windkraftanlage - irgendwo am Stadtrand. Deshalb: Während der Fahrt doppelter Polizeischutz. Ein Tross von Journalisten mit Kameras bewaffnet, fährt ebenfalls mit. Sogar der Vestas-Werkleiter aus Lauchhammer, Frank Weise, hat sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen genauso wie sein langjähriger Freund Reiner Schipporeit, Kurator der Ausstellung "Windstärken". Die Idee mit dem Flügel sei schon vor drei Jahren enstanden, sagt Schipporeit. Nur mithilfe von Vestas sei das Projekt realisiert worden. Mehr als 250 000 Euro kostet die gesamte Aktion, inklusive Transport.

Und dann muss da natürlich noch ein Begleitwagen mitfahren. Ohne einen Begleiter, sagt Kåre Meier, wäre so ein Transport unmöglich. Über Funk sind die beiden ständig miteinander in Kontakt. "Achtung, Polizei überholt", rauscht es aus dem Funkgerät, das von der Kabinendecke gleichmäßig wie ein Pendel hin und her baumelt. Die Stimme gehört Peter Malohn, der direkt hinter dem Laster von Kåre Meier fährt. Auf seinem Transporterdach blinken Schilder, die sich nähernde Autos vor dem Spezialtransport warnen sollen. "Alles klar", antwortet Kåre Meier. Der 53-jährige Malohn trägt auch schon knapp 20 Jahre Transporterfahrung auf seinem Buckel. Er stammt aus Rostock. Zwei Nordlichter also, die sich blind verstehen .

Auf der Autobahnauffahrt Schwarzheide in Richtung Berlin überholt jetzt ein Polizeiwagen mit Blaulicht das insgesamt 48 Meter lange Gespann, geleitet es auf die A 13 und verabschiedet sich nach ein paar Kilometern. Der erste Stress ist vorüber. Es ist kurz nach 23 Uhr.

Jetzt geht es für Kåre Meier entspannter weiter. Er hat den Tempomat eingeschaltet, 87 Kilometer pro Stunde darf er fahren. Und wenn sich ein Auto zu dicht vor ihn drängelt, bremst sein Lkw automatisch. "Aber die Füße lege ich nie hoch." Das ginge einfach nicht. Trotz seiner 33-jährigen Erfahrung habe er Respekt vor jeder Fahrt.

In der Kabine riecht es nach Vanille. Kleine Weihnachtsmänner schauen wie er aus der Frontscheibe. Darüber kleben Bilderchen von seinen vier Enkelkindern. Alles Jungen. "Die fahren immer mit", sagt er stolz und macht extra das Licht an. Kåre Meier ist ein Familienmensch. Er hat es sich so weit es geht heimelig gemacht in seiner kleinen Zweitwohnung. Ein, zwei Jahre will er noch den Job machen, dann geht er in Rente. "Ich habe keine Lust mehr", sagt er und lacht schon wieder. Etwa 4000 Euro verdient er als Fahrer. Ob das viel sei? Ja, sagt er, aber bei ihm in Dänemark sei alles teurer als in Deutschland.

Auf der Autobahn hat Kåre Meier Zeit, einige seiner Trucker-Geschichten zu erzählen. Eine geht so: Als er in den 80er-Jahren in Dresden gewesen sei, habe ihn eine Frau gefragt, ob er sie mitnehmen könne. In der Ladung versteckt, sollte es nach Westdeutschland gehen. 20 000 D-Mark habe die Frau ihm dafür geboten. Meier lehnte ab. Ein Kollege aber sei das Abenteuer eingegangen. Das Geld bekam er angeblich von den zwei Brüdern der Frau aus Hamburg.

Als d er Laster die Berliner Stadtautobahn erreicht, dreht Kåre Meier die Countrystimme von Heather Myles etwas leiser: Abfahrt Tempelhofer Damm. Meier kommt nach knapp vier Stunden Fahrt das erste Mal ins Schwitzen. An der ersten Kreuzung stehen Hindernisse wie Ampeln und Laternen im Weg. Meier, der noch nie einen Unfall in seiner Karriere verursacht habe, rangiert. Vor, zurück, nach links, nach rechts. Er muss mindestens zehnmal austeigen, knapp 50 Meter nach hinten laufen und prüfen, ob die Spitze des Flügels nicht aneckt. An der Kreuzung stauen sich mittlerweile Autos. Schaulustige fotografien mit offenem Mund.

Nach einer halben Stunde geht die Fahrt weiter. Keine Bushaltestelle, kein Baum, kein Vorfahrtsschild - nichts ist beschädigt. So lang wie die seit diesem Jahr bei Vestas produzierten 55 Meter langen Flügel dürfte dieses Blatt allerdings nicht sein. Sie haben erst recht noch nichts im Museum zu suche n.

Denn der Trend für immer größere Anlagen mit immer längeren Rotorblättern ist da. Die Formel lautet: je größer die Anlagen, desto leistungsfähiger. Mit Rotordurchmessern von mehr als 120 Metern nutzen diese in luftiger Höhe die günstigeren Windströmungen. Aus den Anlagen der 80er-Jahre mit einer Leistung von rund 30 Kilowatt entwickeln sich peu à peu Maschinen von heute mehr als sechs Megawatt Nennleistung.

Vestas-Werkleiter Frank Weise weiß, dass es immer höher geht. Er glaubt aber auch an Grenzen. In ein paar Jahren will sein Werk 80 Meter lange Flügel produzieren.

F ür Kåre Meier spielen diese Zahlen keine besondere Rolle. Während sich im Museum die Bauherren, Sponsoren und Aussteller den Fragen der Journalisten stellen, steht Meier noch immer am Rotorblatt und schaut nach oben. Für ihn heißt es jetzt Abschied nehmen von seiner Fracht. Wohin seine nächste Reise geht, weiß er noch nicht . www.lr-online.de/bilder

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Zum ThemaBr andenburg ist nach Angaben des Fraunhofer-Instituts hinter Niedersachsen Deutschlands zweitgrößter Windenergieproduzent. Der "Windmonitor" weist derzeit 3030 Anlagen mit einer installierten Nennleistung von knapp 4900 Megawatt aus. Das ist fast sechsmal so viel wie vor zehn Jahren . Sachsen hat demnach derzeit 833 Anlagen mit einer Nennleistung von knapp 1000 Megawatt. In Deutschland sind derzeit etwa 22 000 Windenergieanlagen an Land und auf See mit einer Gesamtleistung von rund 27 000 Megawatt am Netz.