Mehrere neue Erkenntnisse hat der 15. Prozesstag im Mordfall Alyssa gebracht. In der Gefängniszelle des Angeklagten wurde ein Handy gefunden, ein psychologischer Gutachter attestierte dem 21-jährigen Maurice M. eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, hält ihn aber für schuldfähig. Außerdem stellten die Verteidiger bei der gestrigen Verhandlung überraschend einen Beweisantrag - dieser könnte den Prozess weitere Wochen in die Länge ziehen. Ursprünglich sollte im Februar ein Urteil gesprochen werden. Weil die Verteidiger des Angeklagten aber die Aussage eines Schlüsselzeugen in Zweifel ziehen, könnte es noch einige Zeit dauern, bis der Prozess vor dem Landgericht Cottbus abgeschlossen wird.

Zu Beginn des Prozesses im Sommer 2014 schilderte der Schulfreund von Alyssa, Willy H., wie er den Mord an dem Mädchen erlebte. Maurice M. wird vorgeworfen, im November 2013 am S-Bahnhof Eichwalde die damals 14-jährige Alyssa mit Dutzenden Messerstichen ermordet zu haben. Willy war bei der Tat in unmittelbarer Nähe, hatte das Mädchen vom Bahnhof nach Hause begleitet. M. passte die Teenager ab. Es kam zum Streit zwischen ihm und Alyssa. Willy wollte seiner Freundin helfen, wurde dabei auch verletzt. Seit der Tat wird der Schüler psychologisch betreut. M.s Verteidiger wollen die Aussage von Willy prüfen lassen, um ausschließen zu können, dass ein Schock die Aussage verfälschte. Der Schüler ist der wichtigste Zeuge im Prozess, er hat die Tat beobachtet. Es sind auch seine Aussagen, die den Schluss zulassen, wie brutal Alyssa ermordet wurde.

Mit Spannung wurde gestern das psychologische Gutachten über den Angeklagten erwartet. Das wurde von einer Koryphäe auf diesem Gebiet erstellt. Der Sachverständige Alexander Böhle hat in vielen spektakulären Prozessen die Persönlichkeit der Angeklagten analysiert. Etwa im Fall des ehemaligen Ludwigsfelder Bürgermeisters Heinrich Scholl, der für den Mord an seiner Frau verurteilt wurde. Böhle attestierte dem Angeklagten eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, er sei nicht fähig zur Empathie und "es gibt bei ihm erhebliche Realitätsverzerrungen". M. sei selbstbezogen, egozentrisch und wenig einfühlsam.

Weil der Angeklagte ein Gespräch mit dem Psychologen ablehnte, stützt sich Böhles Gutachten unter anderem auf Zeugenaussagen und Chat-Protokolle. M. unterhielt sich mit Alyssa und anderen hauptsächlich übers Internet. Immer wieder äußerte er dabei Selbstmordabsichten oder sexuelle Gewalt-Fantasien.

Böhle vermutet, dass M. die Tat aus einer narzisstischen Kränkung heraus begangen habe. Obwohl er dem Angeklagten eine Persönlichkeitsstörung attestierte, zweifelt er seine Schuldfähigkeit nicht an. "Die Störung ist nicht so massiv, dass sie sein soziales Handeln verändert hat", sagte Böhle. Sollte M. wegen Mordes verurteilt werden, droht ihm eine lange Haftstrafe. Die Länge hängt auch davon ab, ob er nach Jugend- oder Erwachsenenrecht verurteilt wird. Der Psychologe Böhle und die Sozialpädagogin von der Jugendgerichtshilfe plädierten dafür, Jugendstrafrecht anzuwenden. M. sei "reifeverzögert" und etwa auf dem Stand eines 16-, 17-Jährigen.

In den vergangenen Wochen hat das Verhalten von M. Zweifel an seiner Reue, seiner Einsicht genährt. Zu Beginn des Prozesses im Sommer räumte er in einer schriftlichen Erklärung die Tat ein. In einem Gespräch mit einer Gefängnispsychologin hat er sich davon aber distanziert. Gestern kam heraus, dass kurz vor Weihnachten in der Gefängniszelle des Angeklagten ein Handy gefunden wurde. Darauf wurden unter anderem Pornobilder gefunden.

Der Prozess geht im Februar weiter. Geplant war, dass dann Plädoyers und später das Urteil gesprochen werden. Daraus wird nichts - gestern wurden Termine bis Ende März angesetzt.