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| 01:08 Uhr

Gurken reichen von Golßen bis nach Madrid

Johannes Knösels vom gleichnamigen Gurkenanbaubetrieb in Golßen bei Luckau hofft noch auf zwei bis drei Wochen gutes Wetter. Von Wolfgang Swat und Peter Jähnel

Vor allem wärmere Nächte stehen auf der Wunschliste, damit noch genügend Gemüse von seinen Gurkenfliegern, wie die Erntemaschinen herkömmlich genannt werden, von den Feldern geholt werden können. Auf 80 Hektar hat Knösels Einle ger-, auf 16 weiteren Hektar Schälgurken angebaut. Seine neun Gurkenflieger laufen in zwei Schichten. Auf jedem greifen 42 Paar Hände nach den grünen Gewächsen, die zu den bekanntesten aus dem Spreewald gehören. Alle zweieinhalb Tage muss auf den Plantagen geerntet werden. 500 Leute finden in der Saison bei Knösels Arbeit. 100 von ihnen sind Deutsche, „ein Stamm, der schon seit Jahren kommt“ , wie der Landwirt sagt. Die anderen 400 reisen meist aus Polen als an.
Es ist typisch in dieser Zeit, dass es auf den Feldern und in den Konservenfabriken vielsprachig zugeht. Von den 3500 Wanderarbeitern auf den Feldern zwischen Cottbus, Lübben, Schlepzig und Golßen kommen gut zwei Drittel vor allem aus osteuropäischen Ländern. „Mit der EU-Osterweiterung wird das zunehmend zur Normalität“ , glaubt Dieter Irlbacher, Geschäftsführer des Spreewaldvereins in Lübben. Trotz hoher Arbeitslosigkeit in der Region bekämen Landwirte und Gurkenverarbeiter nicht genügend einheimische Arbeitskräfte. „Das ist seit Jahren so, dabei könnte in der Saison die Arbeitslosenquote erheblich gesenkt werden“ , stellt Irlbacher fest. Die Knochenarbeit auf dem Flieger sei offensichtlich nicht jedermanns Sache.
Mit 36 000 Tonnen Gurken rechnet der Spreewaldverein, die aus der diesjährigen Ernte sauer oder mit Gewürzen wie Pfeffer, Dill, Senfkörnern und Knoblauch verfeinert als „echte Spreewälder“ auf den Markt kommen. Das ist von den 580 Hektar Anbaufläche – 20 Hektar mehr als im Vorjahr – etwa die gleiche Menge wie 2003. Insgesamt haben die Bauern in der Lagunenlandschaft kontinuierlich das Aufkommen erhöht, von 31 000 Tonnen im Jahr 2000 auf die anvisierten 36 000 Tonnen. „Der Absatz wird allerdings immer schwieriger, weil die großen Handelsketten zunehmend eigene Marken auf den Markt bringen, die dann natürlich auch zuerst in den Regalen stehen“ , sagt der Chef des Spreewaldvereins.
In der Spreewaldkonserve Golßen hofft Karin Seidel ebenfalls noch auf laue Nächte. Schließlich wollen die Golßener, die zu den Marktführern bei Sauerkonserven gehören, 16 000 Tonnen Gurken in die Gläser bringen. Aneinandergereiht würden diese übrigens von Golßen bis in die spanische Hauptstadt Madrid reichen. „Wir werden aber wohl noch bis in den September hinein produzieren müssen, um unseren Plan zu erfüllen“ , schätzt die Mitinhaberin der Konservenfabrik ein.

Suche nach Sandkörnern
Streng achten Produzenten wie Verarbeiter auf die Qualität. Schließlich ist die unter europäischem Schutz stehende Marke „Spreewälder Gurken“ dafür bekannt. „Wir überprüfen beispielsweise mit dem Mikroskop, ob den Gurken keine Sandpartikel mehr anhaften“ , nennt Seidel ein Beispiel. Frische sei neben Sauberkeit ein weiteres Qualitätsmerkmal. „Was wir ernten, wird sofort zur Weiterverarbeitung abgeliefert“ , versichert Johannes Knösels, der seit zehn Jahren mit der Golßener Konserve zusammenarbeitet.
Frisch zum Verbraucher ist auch der Anspruch, den Wilfried Baronick aus Burg im Spreewald erhebt. Er produziert die Gurken vor allem für den sofortigen Verzehr, bietet sie auch auf Wochenmärkten an. Baronick spricht von einem durchschnittlichem Gurkenjahr. „Vor allem das Wetter im Juni und Juli war zum Verzweifeln. Die Ausfälle holt man jetzt nicht mehr ganz rein“ , schätzt er ein. Für anderes Gemüse wie Kohl sei das Wetter in diesem Jahr dagegen günstig gewesen.
Die Gemüseproduzenten beklagen allerdings sinkende Erzeugerpreise. „Die Entwicklung ist katastrophal“ , sagt Baronick. „Wenn das Kilo Tomaten im Handel 60 Cent kostet, kann sich jeder vorstellen, dass für uns kaum noch etwas übrig bleibt“ , schimpft er. Schließlich würden bei Gemüse nur etwa 30 Prozent vom Verkaufspreis für die Produzenten übrig bleiben. „Wenn es den Verbrauchern mit den Preisen gut geht, geht es den Bauern schlecht“ , beschreibt Baronick die Situation.
Umso mehr komme es darauf an, dass Spreewald drin ist, wo das Spreewald-Logo drauf ist, erklärt Dieter Irlbacher. Darauf werde streng geachtet. „Echt Spreewälder“ bleibt ein „Premium-Produkt“ , versichert der Chef vom Spreewaldverein. In dem sind Produzenten, Verarbeiter, Verbände und Kommunen zusammengeschlossen, um regionale Erzeugnisse zu vermarkten und den Spreewald als Wirtschaftsraum voranzubringen. 37 Betriebe und Gaststätten stellen sich den Qualitätsansprüchen der regionalen Dachmarke „Spreewald“ . Gegenwärtig prüft der Verein, ob die auf der „Grünen Woche“ in Berlin von der Landfleischerei Turnow vorgestellte Gurkenbockwurst als europaweit geschützte Marke angemeldet werden sollte. Bisher hat aus unserer Region nur die „Spreewälder Gurke“ dieses Qualitätssiegel.

Streit um Gebietsschutz
Und darüber wird nach wie vor gestritten. So ist beim Landgericht Hamburg gegen den Konservenhersteller „Jütro“ aus Jüterbog eine Unterlassungsklage eingereicht worden. Noch immer produziert „Jütro“ Gurken nach „Spreewälder Art“ . „Wir konnten uns nicht gütlich einigen“ , begründet Irlbacher den Gang zum Gericht. Die Jüterboger berufen sich auf eine Vereinbarung, wonach sie nach „Spreewälder Art“ produzieren dürften, solange Rechtsstreitigkeiten nicht endgültig geklärt sind. So hat das Verwaltungsgericht in Berlin noch nicht über das Verfahren gegen die Bundesrepublik entschieden, mit dem „Jütro“ die Gebietsabgrenzung für den Wirtschaftsraum Spreewald, der vor Jüterbog endet, aushebeln will.
Irlbacher ist allerdings optimistisch, dass der seit den 90er- Jahren schwelende Konflikt demnächst ausgestanden ist. Schließlich habe das Oberlandesgericht Hamburg unlängst die Gebietsabgrenzung bestätigt und ein anders lautendes Urteil des Hanseatischen Landgerichtes aufgehoben. Dieser Tage habe es zudem der Bundesgerichtshof abgelehnt, eine Revision gegen dieses Urteil zuzulassen. „Alle Rechtsstreitigkeiten sind bisher durch uns gewonnen worden. Das ist ein großer Erfolg“ , ist Irlbacher zufrieden.