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Günstige Kosten sind ein echter Standortfaktor

Was in Berlin unbezahlbar wird, ist in der Region erschwinglich: interessante alte Manufakturgebäude oder leer stehende Tuchfabriken wie hier in Forst. Sie könnten zum Tummelplatz für Kreative werden.
Was in Berlin unbezahlbar wird, ist in der Region erschwinglich: interessante alte Manufakturgebäude oder leer stehende Tuchfabriken wie hier in Forst. Sie könnten zum Tummelplatz für Kreative werden. FOTO: urbex-online
Gastbeitrag. Wie steht es um die Lausitz im Jahr 2030, wie werden wir leben? Zu den Gastautoren der Zukunftsserie der RUNDSCHAU gesellt sich Dr. Martin Roeder, Geschäftsführender Direktor des Staatstheaters Cottbus. Martin Roeder

Die Frage der Zukunftsgestaltung ist eine normative. Normative Fragen klären sich nicht individuell und subjektiv, sondern in der gesellschaftlichen Debatte. Der Gewinn an der großen Zukunftsserie der LAUSITZER RUNDSCHAU ist, dass sie diese Debatte anregt, befeuert, strukturiert. In der vergangenen Woche warnte der Geschäftsführende Gesellschafter der Prognos AG, Christian Böllhoff, in der LR davor, dass wir die Folgen des demografischen Wandels unterschätzten. Das Leben in den dünn und immer dünner besiedelten Gebieten in der Lausitz werde künftig teurer. Die Lebensqualität in der Region lasse nach, da die infrastrukturellen Lebensgrundlagen nicht mehr finanzierbar seien. Das Leben auf dem Lande? Ohne Zukunft. Nur, wie die Welt in 15 Jahren aussieht, ist keine Schicksalsfrage. Wir sind der Demografie nicht ausgeliefert. Vielmehr verstehen wir ihre Prognose als Gestaltungsimpuls und geben die richtigen Antworten. Oder eben nicht.

Gute Arbeit für junge Menschen

Es stimmt: Übergeordnete umweltpolitische Interessen werden dazu führen, dass die Braunkohleverstromung nach und nach heruntergefahren wird. Für die Wirtschaft der Lausitz ist dieser Prozess eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Wenn wir heute beginnen, den Strukturwandel zu gestalten und neue Perspektiven zu eröffnen, wird Arbeit in der Region nicht zwingend und unwiederbringlich verloren gehen.

Es stimmt: Die Demografie der Region steht Kopf. Zwar ist die Abwanderung der jüngeren Bevölkerungsgruppen weitgehend gestoppt, die Lausitz-Rückkehrer werden mit wehenden Fahnen empfangen - und akribisch gezählt. Gute Arbeit für junge Menschen ist nicht nur deshalb ein großes Thema. Der Technologie- und Innovationspark in Cottbus ist ein Versuch, durch Ansiedlung von jungen Unternehmen und Gründerförderung attraktive Arbeitsplätze zu schaffen. Wie erfolgreich das Projekt wirklich sein wird, ist noch nicht zu erkennen. Jedenfalls haben die Unternehmen in der Region schon jetzt ein starkes Interesse an gut ausgebildeten jungen Wissenschaftlern und am Wissenstransfer aus der universitären Forschung in die Praxis. Dass der Universitätsstandort Cottbus nachhaltig gesichert ist und sich gut entwickelt, kann für die Lausitz nur als Glücksfall angesehen werden.

Es stimmt: Die Bereitstellung einer administrativen Infrastruktur und von Versorgungseinrichtungen in schrumpfenden Kommunen und Landkreisen wird tendenziell teurer. Teurer für diejenigen, die in diesen Kommunen oder auf dem sich vermeintlich entvölkernden Land leben und die dort Steuern und Gebühren zahlen. Aber was ist mit der Solidarität der Steuerzahler? Böllhoff schreibt, als gäbe es kein Finanzausgleichsgesetz, das diese Solidarität organisiert, ja erzwingt. Die Daseinsvorsorge ist nicht allein die Aufgabe der von der Ausdünnung betroffenen Kommunen und der Landkreise. Für die medizinische Versorgung in der Fläche gibt es in den skandinavischen Flächenländern gute Beispiele. Und ist Verwaltung wirklich nur so denkbar, wie wir sie heute kennen? In der digitalen Entwicklung liegt doch die Chance einer bürgernahen, gewerbefreundlichen und effizienten Administration: E-Government, das elektronische Amt, die behördliche Genehmigung per PDF, das KFZ-Nummernschild per Post sind realistische Szenarien eines Lebens auf dem Land, das ohne tägliche weite Behördenwege auskommt. Der Kontakt mit einem höflichen elektronischen Amt ist mir allemal lieber als die Begegnung mit dem Wartebereich einer konkreten analogen Amtsstube, egal, ob in der Großstadt oder auf dem Lande.

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung hat die Landesregierung Brandenburgs entschieden, die Aufgaben, Funktionen und Zuschnitte der Verwaltungseinheiten und Verwaltungsebenen zu ändern. Die Kreisgebietsreform, mindestens die Funktionalreform wird kommen. Sie wird das tägliche Leben in der Lausitz beeinflussen und möglicherweise tiefgreifend verändern. Schlecht gemacht, könnte sie die demografische Abwärtsspirale beschleunigen, die gefährlichen Tendenzen stärken, auf die sie reagiert und die Prognos heraufbeschwört. Wichtig ist deshalb vor allem, dass die anstehenden strukturbildenden gesetzgeberischen Maßnahmen die Schnittstellen zwischen Verwaltung und gewerblicher Welt verbessern, die regionale Ansiedlungspolitik stützen und kulturverträglich sind. Dass sie die Attraktivität der Region steigern, ihr ermöglichen, mit den Pfunden zu wuchern, über die sie verfügt. Aktuell veröffentlichte Pläne der Landesregierung, die Kulturstandorte Ostbrandenburgs und der Lausitz unter dem Dach einer Stiftung zusammenzuführen und auf eine breitere finanzielle Basis zu stellen, begleiten die Funktionalreform zukunftsorientiert. Wir haben keine Angst vor Veränderung; Wandel macht das Leben aus. Neue Kräfte wirken, neue Entscheider kommen ins Spiel, neue Verbindungen und unternehmerische oder kulturelle Netzwerke entstehen. Darin wollen wir zuallererst die Chancen sehen. Angst und Kleinmut dürfen nicht die Grenzen unseres Denkens und Handelns bestimmen.

Die Lausitz schlägt der Demografie ein Schnippchen. Für die digitale Welt ist nicht entscheidend, wo produziert wird, sondern zu welchen Bedingungen. Kreativwirtschaft, digitale Unternehmen, Grafiker, Architekten, Agenturen, Musiker benötigen eine erschwingliche Verbindung von Wohnraum, Büroraum, Werkstätten, Ateliers und Studios. Und schnelles Internet! Der Work-Life-Space ist die aktuelle materielle Grundlage für die Vereinbarkeit von Leben und Beruf. Was in Berlin unbezahlbar wird, ist in der Region erschwinglich: interessante alte Manufakturgebäude, leer stehende Tuchfabriken in Südbrandenburg oder die verlassenen Gerbereien in schönster Flusslage in Doberlug-Kirchhain (im übrigen einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt der Deutschen Bahn). Die günstigen Kosten sind ein echter Standortvorteil. Gewerbesteuernachlässe könnten zusätzliche Ansiedlungsimpulse geben. Es entstehen hochmoderne gewerblich-urbane Mischräume. Wer braucht dann täglich die Metropole, wenn nicht als Markt? Die Region wird mit diesem Potenzial offensiv werben und 2030 ein starker Standort für Kreativwirtschaft und Internetfirmen sein. Die hohe Lebensqualität, die Naturnähe, die vielfältigen Sport- und Wassersportmöglichkeiten und eine lebendige Kulturszene machen es aus.

Denn mit dem Ostsee wird das Lausitzer Seenland größer und stärker, es gewinnt an Anziehungskraft. Der Tourismus ist schon jetzt ein wichtiger Faktor im wirtschaftlichen Leben der Region. Künftig werden der Spreewald und das Seenland noch enger zusammenarbeiten und ihre touristischen Angebote in produktiver Konkurrenz entwickeln. Dabei ist allen Akteuren klar, dass Tourismus und Kultur zusammengehören wie Großstadt und universitäres Leben oder Cafés und Kaffee.

Groß denken

Die Vision: Natur- und Seenlandtourismus florieren, die Universität ist international attraktiv und interkulturell aufgestellt, innovative Unternehmen siedeln sich an, die kulturelle Vielfalt wird als zentraler Aspekt der Standortentwicklung hoch geschätzt. Theater, Orchester, Tanz, Museen und das Filmfestival prägen das soziale und kulturelle Leben. Die Nähe zu Berlin ist spürbar wie das gute kontinentale Klima, die Anbindung an den Verkehrsverbund und Fernverkehr wird ausgebaut. Die Lausitz ist eine der attraktivsten und wirtschaftlich bestens aufgestellten Regionen Ostdeutschlands.

Diese Potenziale der sich neu ordnenden Region erschließen wir nur, wenn wir uns erlauben, groß zu denken, positive Zukunftsbilder zu entwerfen und in deren Verwirklichung zu investieren. Damit die Weichen für 2030 richtig gestellt sind.

Zum Thema:
Dr. Martin Roeder, Jahrgang 1958, wurde in Wetzlar geboren und studierte Anglistik, Amerikanistik, Romanistik und Philosophie in Berlin und Toronto.Auf das Staatsexamen im Jahr 1986 folgte eine fünfjährige Station als Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Technischen Universität Berlin mit den Forschungsschwerpunkten Geschichte des englischen und amerikanischen Theaters und theatersemiotische Theoriebildung.Nach seiner Promotion im Jahr 1992 zum Thema "Lesen und Zuschauen" wurde Dr. Roeder zunächst Leiter des Theater- und Konzertbetriebes des im gleichen Jahr gegründeten Elbeforums Brunsbüttel.Im Jahr 1993 wurde er von August Everding zum Direktor des Internationalen Theaterinstituts Berlin (ITI) berufen und übernahm 1996 zudem die Geschäftsführung des ITI-Festivals Theater der Welt.Im Jahr 2003 wechselte er nach Heilbronn, wo er bis 2008 Intendant und kaufmännischer Betriebsleiter war. In dieser Zeit war Dr. Roeder zugleich Vizepräsident des ITI.Von 2009 bis 2012 leitete er die Abteilung Kultur beim Senat der Freien Hansestadt Bremen.Seit September 2012 ist er Vorsitzender des Vorstands der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus und Geschäftsführender Direktor des Staatstheaters Cottbus.

Zum Thema:
Wie wollen wir in 15 Jahren leben, welche Weichen müssen jetzt gestellt werden? Diskutieren Sie mit - mit eigenen Beiträgen oder als Reaktion auf die Artikel der Gastautoren. www.lr-online.de/lausitz2030

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