Die roten Polsterstühle im Saal des Gubener „Volkshauses“ reichen kaum. Dorthin, wo sonst das Tanzbein geschwungen wird, hat das „Aktionsbündnis für Menschenwürde“ eingeladen. Dahinter stehen Gubener, die es ablehnen, dass in ihrer Stadt Leichen plastiniert werden und die Kommune dafür das alte Rathaus verkauft. Noch sei keine Mehrheit im Stadtrat für die Ansiedlungspläne sicher, sagt Pfarrer Michael Domke vor der Versammlung.
Doch nicht alle 200 Besucher an diesem Abend sind Plastinationsgegner. Einige sind gekommen, um das Vorhaben zu verteidigen. Sie knüpfen an die Plastinationswerkstatt meist ganz persönliche Hoffnung auf einen Job. Langzeitarbeitslose gibt es genug in Guben.
Die beeindruckt wenig, dass die polnische Fernsehjournalistin Magdalena Dercz von ihren Recherchen über Aktivitäten des Plastinators im östlichen Nachbarland berichtet. Zum Beispiel, dass dort Anfang der 90er-Jahre präparierte Leichenteile für von Hagens bearbeitet wurden. „Das war nach polnischem Recht illegal. Als es bekannt wurde, war es jedoch schon verjährt“ , so Dercz. Sie halte von Hagens, den sie persönlich interviewt hat, für einen zynischen Menschen mit dessen Versprechungen man sehr vorsichtig umgehen müsse. Die Journalistin vermutet, dass der Anatom noch immer geschäftliche Kontakte nach Polen hat und deshalb so nahe an der Grenze investieren will. Gegenüber der RUNDSCHAU hat von Hagens bestätigt, dass in Guben fünf bis zehn ausgebildete polnische Spezialisten zum Einsatz kommen sollen, „voraussichtlich als Selbstständige mit Gewerbeschein“ .

Leichen nach Guben bringen
Liselotte da Fonseca von der Universität Hamburg hat sich seit Jahren mit dem umstrittenen Anatomen beschäftigt. Sie versucht den Gubenern anhand von Zitaten des Präparators dessen widersprüchliches Menschenbild zu erklären. Auch sie wirft die Frage auf, was von Hagens in Guben will und versichert: „Mit Scheibenplastinaten allein kann er nicht so viele Arbeitsplätze schaffen wie angekündigt.“
„Er hat aber versprochen, dass er in Guben nur Plastinationsscheiben macht“ , hält ein Mann dagegen, der sich als Befürworter der Leichenkonservierung zu erkennen gibt. Was das genau heißt, scheint nicht jedem klar. „Es ist geplant, in Guben aus dem norddeutschen Raum und insbesondere Berlin echte Leichen verstorbener Körperspender nach Guben zu transportieren. Diese sind nicht vorbehandelt, sie werden im Krankenhaus oder auch zu Hause abgeholt“ , antwortete von Hagens auf eine RUNDSCHAU-Anfrage.
Anders als im Januar, als auf einer öffentlichen Präsentation des Anatomen kritische Stimmen schnell niedergemurrt wurden, dürfen im Volkshaus Befürworter wie Gegner reden. Von Hagens sei wie ein Gewitter über Guben gekommen, sagt ein Mann, doch wie in den wochenlangen Debatten vorher gehen die meisten Wortmeldungen aneinander vorbei: Die einen wollen über Menschenwürde reden, die anderen über fehlende Jobs.

Untaugliche Argumente
Der Cottbuser Superintendent Matthias Blume bringt beides zusammen. Letztlich ginge es um eine ethische Frage, zu deren Beantwortung zwei Argumente nicht taugten: große Zahlen und Arbeitsplätze. „Eine Sache wird nicht automatisch gut, wenn viele dafür sind“ , erklärt er, was er damit meint. Und Arbeit schaffe schließlich auch ein Krieg. „Als Tourist ist Herr von Hagens hier gern gesehen, als Plastinator nicht“ , sagt Blume. Den gleichen Widerstand der Kirche werde der Plastinator auch in Freudenberg im Kreis Mär kisch-Oderland zu spüren bekommen. Dort hatte der Anatom am Wochenende ein Industriegelände besichtigt, von dem er hinterher sagte, dass es sich für eine Plastinationswerkstatt nicht eigne.
Gubens Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP) hat sich an die Rückwand des Saales gestellt, zwischen dem Auditorium und dem sich ganz gut gefüllten Saal. Wenn sich dort jemand zu Wort meldet, der von Hagens besonders scharf attackiert, tritt Hübner von einem Bein auf das andere. Er lässt die Kritiker des Leichenkonservators deutlich spüren, dass er sie nicht verstehen kann. Das sei eine „ganz normale Investition“ , versichert er immer wieder. Er zitiert Verwaltungsgerichtsentscheidungen und gerichtliche Verfügungen gegen einige Veröffentlichungen über den Plastinator. Fragen nach ethisch-moralischen Grenzen weist er von sich und ins Private: „Diese Grenzen muss jeder für sich persönlich ziehen.“
Matthias Blume fragt Hübner, ob es dann beispielsweise auch jedem selbst überlassen sei, ob er „Fremden auf den Kopf kloppt“ . Eine Antwort bekommt er nicht. Der Gubener Bürgermeister lässt auch offen, in welcher Form die Stadtverordneten in die Entscheidung über den Grundstücksverkauf an von Hagens einbezogen werden. Nur einen Bürgerentscheid, das versichert er, werde es nicht geben. Der sei nicht nötig. Wie zur Bestätigung klopft ihm im Hinausgehen ein Gubener auf die Schulter: „Halt durch, Bürgermeister, nur nicht einknicken.“