Nun sind sie da: Die weißen Westen mit der Aufschrift "Stadtwache Guben" auf dem Rücken. Mit ihnen sollen die 24 freiwilligen Rathaus-Mitarbeiter künftig auf Streife gehen. Das erste Team war bereits am Dienstagnachmittag unterwegs.

"Wir sind mit Bürgern ins Gespräch gekommen", berichtet Uwe Schulz, Leiter des Fachbereiches Ordnung und Sicherheit, am gestrigen Mittwoch. Ansonsten sei der Rundgang eher "unspektakulär" verlaufen. "Wir werden auch keine Täter jagen oder verhaften", stellt Sebastian Schwitzke klar. Das sei Aufgabe der Polizei. Der Sachbearbeiter ist einer der Freiwilligen. "Ich musste nicht überredet werden. Für mich war klar, dass ich mitmache", sagt er.

Mit dem Projekt Stadtwache will die Stadt Guben zufolge "Flagge zeigen" und "ein Zeichen" für Zivilcourage setzen. "Trotz verstärkter Polizeipräsenz ist die Zahl der Straftaten in Guben nicht gesunken", betont der amtierende Bürgermeister Fred Mahro. Deshalb soll jetzt mehrmals pro Woche und zu ganz unterschiedlichen Zeiten die Stadtwache durchs gesamte Stadtgebiet patrouillieren und mögliche Straftäter abschrecken. "Der Einsatz findet im Rahmen der Dienstzeit statt, die Mitarbeiter sind versichert", sagt Mahro.

Im Gegensatz zu Polizisten ist die Gubener Streife jedoch nur mit Befugnissen im Rahmen des Jedermanns-Rechtes ausgestattet. Das heißt: Die Rathaus-Mitarbeiter können Straftäter lediglich festhalten, bis die Polizei kommt. "Wir gehen aber davon aus, dass schon unser Auftreten mit Warnweste Gewalttäter abhält", sagt Schulz. Ein erhöhtes Risiko für seine Mitarbeiter schließt Mahro aus. "Der Gefahr, der sie ausgesetzt sind, ist auch jeder andere Gubener ausgesetzt", begründet er. Kritik kommt von der Dienstleistungsgewerkschaft verdi. Als "zweifelhafte Organisation einer Bürgerwehr unter Missbrauch der städtischen Beschäftigten" wird das Projekt bezeichnet. Die Organisation einer Stadtwache obliege dem kommunalen Ordnungsdienst, heißt es. "Dazu bedarf es einer ausreichenden personellen Ausstattung, einer entsprechenden Ausbildung und Ausrüstung", sagt Gewerkschaftssekretär Dirk Hötsch. Verdi fordert den Bürgermeister auf, das Vorhaben zu stoppen. Doch dafür sieht Mahro keinen Grund. "Ich habe im Vorfeld den Personalrat informiert, unsere Mitarbeiter werden von der Polizei geschult", sagt er.

Rückendeckung bekommt der Rathaus-Chef von der Polizei. "Die Maßnahme ist mit uns abgestimmt", bestätigt Ines Filohn, Pressesprecherin der Polizeidirektion Cottbus-Spree-Neiße. Die Stadtwache soll keine Polizeiarbeit übernehmen, betont sie. Vor überzogenen Erwartungen warnt Filohn dennoch: "Der Erfolg wird sich nicht von heute auf morgen einstellen. Dafür brauchen wir Geduld." Mit Ergebnissen rechnet sie erst in "mehreren Jahren". In der Stadt an der deutsch-polnischen Grenze steigt die Kriminalität seit mehreren Jahren kontinuierlich an. Als besonders dramatisch bezeichnet der amtierende Bürgermeister die Entwicklung in den vergangenen beiden Jahren. Mit 15 000 Euro unterstützt das brandenburgische Innenministerium zwar ein Pilotprojekt zur Kriminalitätsprävention. Messbare Erfolge blieben jedoch bisher aus. Angesichts dieser Entwicklung bezeichnet Fred Mahro die Polizeireform im Land und den damit verbundenen Personalabbau als "völlig an der Realität vorbei".

Zum Thema:
Nach Polizeiangaben haben sich in den ersten zehn Monaten dieses Jahres insgesamt 1831 Straftaten in Guben und Umgebung ereignet. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 1735. Das entspricht einer Steigerung von fünf Prozent. 1120 Diebstähle wurden gemeldet (2013: 876). Den Großteil davon machen 413 gestohlene Fahrräder aus (Vorjahr: 279). Dazu wurde vielfach auch in Keller oder Carports eingebrochen: insgesamt 120-mal (2013: 70).