Von Jan Augustin

Wer die Konfliktlage um die Straßenführung in der Lausitz verstehen will, muss den B 169-Stammtisch in Klein Oßnig besuchen. Da sitzen auf der einen Seite Mitglieder einer Interessengemeinschaft, die seit Jahren gegen den Laster-Lärm in ihren Orten ankämpfen und nicht müde werden, das vor dem Verwaltungsgericht einzuklagen. Auf der anderen Seite diagonal gegenüber – also in weitest möglicher Entfernung – argumentieren Unternehmer eines Aktionsbündnisses. Sie leben von dem Verkehr auf der Straße. Auch ein Vertreter der Industrie- und Handelskammer Cottbus (IHK) sitzt dort. Es gibt Apfelschorle, Wasser oder Radler. Die Stimmung in der Gaststätte Schön Oßnig ist angespannt. Und der Initiator der Runde, der Landtagsabgeordnete Wolfgang Roick (SPD), muss am Donnerstagabend mehrmals moderierend eingreifen.

Neben Roick treffen sich hier in loser Folge Einwohner, Führungskräfte des Landesbetriebes Straßenwesen, Minister, Unternehmer. Das Thema: die Straße. Vor allem die Bundesstraße 169. Es ist die bedeutendste Lausitzer Fernverkehrsroute in West-Ost-Richtung. Sie macht viel Krach, gerade weil auch Schwerlaster die Strecke nutzen. Sie ist deswegen aber auch Wirtschaftsfaktor. Seit März aber gilt zwischen Cottbus und Senftenberg ein Laster-Durchfahrtverbot, das die Anwohner vor Gericht erstritten haben.

Lkw-Lärm verlagert sich

Etwa 40 Prozent weniger Laster nutzen diesen Abschnitt der B 169 nun. Die Menschen in Klein Oßnig, Neupetershain-Nord oder Allmosen leben jetzt etwas ruhiger. Woanders aber gehen Bürger auf die Barrikaden, weil die Brummifahrer nun vor ihren Schlafzimmern vorbeidonnern. So, wie an der Landesstraße 54 in Bronkow und Saßleben. Oder an der ohnehin stark belasteten B 97 in Gallinchen. Das Monitoring, das es seit dem Lkw-Verbot gibt, bestätigt diesen Ausweichverkehr.

Ein Raunen geht durch den Saal, als Tankstellenbetreiber Jörg Milde seine Zahlen auf den Tisch legt. Milde führt die Agip-Tankstelle an der B 169 bei Drebkau. „Für mich hat das zur Konsequenz, dass ich 100 Lkw am Tag weniger habe“, sagt er. Der Kraftstoffumsatz sei erheblich gesunken. Pro Monat verkaufe er nun über 100 000 Liter weniger. Auch das Folgegeschäft, also Gastronomie, Café und Bistro, leide. Noch habe er das Glück, dass hinter seinem Betrieb der große Mutterkonzern stehe. „Aber das wird auf lange Sicht nicht funktionieren“, betont Milde. Den 24-Stunden-Service werde er einstellen, die Öffnungszeiten verkürzen und zwei Mitarbeiter entlassen müssen.

Erste Mitarbeiter werden entlassen

Düster sieht auch die Zukunft der benachbarten Lkw-Werkstatt Konetzke aus. Wie der Drebauer Unternehmer Frank Wollermann erklärt, werde diese zum 30. September geschlossen. Bereits eingestellt worden sei die Pannenhilfe und der Abschleppdienst. Einen Umsatzrückgang von 50 bis 75 Prozent müsse auch der Bereich Rasthofcenter hinnehmen. Es gibt Duschen hier und Gästezimmer für Trucker. Wollermanns Fazit: Von 20 Mitarbeitern sind bereits sechs entlassen, drei weitere infrage gestellt. „Also knappe 50 Prozent unserer Angestellten, die hier aus der Region kommen, die froh sind, eine Arbeit zu haben, die bleiben in Zukunft zu Hause“, sagt er und schaut über den Tisch zu den Mitgliedern der Interessengemeinschaft. IHK-Verkehrsexperte Jens Krause steht ihm beiseite. Er spricht von immensen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Zehn Millionen Euro soll die Sperrung die regionale Wirtschaft pro Jahr kosten. „Dauerhaft wird sie das nicht verkraften. Es schreckt viele Unternehmer ab, hier zu investieren.“

Planungsstart für Ortsumfahrungen

Verkehrsministerin Kathrin Schneider (SPD) will den Zahlen der Unternehmer nicht widersprechen. „Wir haben hier eine große Konfliktlage“, sagt sie. Die Lösung des Problems kennt sie – wie alle im Saal: Es sind die lang gewünschten Ortsumfahrungen. An Klein Oßnig, Annahof und Klein Gaglow an der B 169 sowie Groß Oßnig und Gallinchen an der B 97 soll der Verkehr vorbei rollen. Die Idee ist nicht neu und deren Umsetzung seit Jahren gefordert. Jetzt hat Kathrin Schneider den offiziellen Planungsstart für diese beiden Projekte ausgerufen.

IHK-Präsident Peter Kopf spricht von einem „guten und wichtigen Signal“ für die lärmbetroffenen Einwohner und die Wirtschaft. „Jetzt müssen die Planverfahren für die beiden künftigen Ortsumfahrungen allerdings auch prioritär und mit maximalem Tempo durch das Land vorangebracht werden.“

Neue Autobahnanschlüsse für Cottbus

Die Ingenieurgruppe IVV hatte in den vergangenen Wochen die Verkehrsströme in der Lausitz analysiert und nun ein Ergebnis vorgelegt. Das sieht auch einen neuen Autobahnanschluss bei Hänchen/Kolkwitz vor, um den Cottbuser Technologie- und Industriepark TIP auf dem ehemaligen Flugplatz-Areal anzubinden. Der Bundestag entscheidet darüber im Herbst. Mit dem für die künftige Ortsumfahrung von Cottbus bereits feststehenden neuen Anschluss bei Kahren hätte Cottbus in einigen Jahren vier Autobahn-Anschlussstellen.

Klein Oßnig

Cottbus

Stress mit Schwerlastverkehr auf der L 54 Lärmgeplagte hoffen auf Hilfe

Bronkow

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