Durch mehr als 500 Änderungsanträge hatten sich die Delegierten bereits durchgekämpft, da wurde es noch einmal ganz grundsätzlich: Zur Abstimmung stand ein Vorstandspapier mit der Überschrift "Geschlechtergerechte Sprache in Anträgen". Gemeint waren nicht nur schlechthin "Frau" und "Mann", sondern auch jene, die sich sozusagen als Zwischenwesen fühlen. "Um sicherzustellen, dass alle Menschen gleichermaßen genannt und dadurch mitgedacht werden, wird in unseren Beschlüssen ab jetzt der Gender-Star benutzt", hieß es in der Vorlage. Aus "BürgerInnen" mach also ab sofort "Bürger*innen". Was das soll? Eine Aussprache darüber war nicht gewünscht - der Antrag ging mit überwältigender Mehrheit durch.

Debatte über Flüchtlingspolitik

So viel Harmonie herrschte längst nicht immer in den vergangenen drei Tagen. Islamistischer Terror, Flüchtlingselend - das hat den Bundesparteitag der Grünen in Halle an der Saale kräftig durchein andergewirbelt. "Ich kann es auch nicht mehr hören, wenn der eine oder andere Islamvertreter quasi ritualisiert erklärt: Das alles hat nichts mit dem Islam zu tun", donnerte Grünen-Chef Cem Özdemir mit Blick auf die Gewalttaten des IS. So glasklar hatte man das bei Grüns noch nicht gehört. Genauso wenig wie das Bekenntnis, "dass nicht alle, die in Deutschland Asyl beantragen, auch bleiben können". Ein Berliner Kreisverband wollte diesen Passus im Leitantrag streichen. Doch nur eine kleine Minderheit hob dafür die Hand.

Immer wieder Beifall für Özdemir

Wer nun allerdings meinte, die Grünen würden in der Terror- und Flüchtlingsproblematik eine Wende um 180 Grad vollziehen, der wurde enttäuscht. Sämtliche Beschlüsse und auch viele Debattenbeiträge dazu glichen einem Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Solidarität mit Frankreich ja, aber militärischer Beistand besser nicht. Hände weg vom Grundrecht auf Asyl, aber an den "Grenzen des Machbaren" sei man schon angelangt, wie Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg betonte.

Auch die Ergebnisse der turnusmäßigen Vorstandswahlen boten ein eher diffuses Bild. Gleich mehrfach hatte Özdemir zu den verschiedensten Themen das Wort ergriffen. Stets wirkte der "anatolische Schwabe" (Özdemir über Özdemir) dabei kämpferisch und mitreißend. Und jedes Mal bekam er starken Applaus. Doch die knapp 77 Prozent, die Özdemir am Ende bei seiner Wiederwahl bekam, bedeuteten nur eine leichte Verbesserung gemessen am Votum von 2013. Dabei könnte den Grünen mit dieser Spitzenpersonalie angesichts der aktuellen Ereignisse nichts Besseres passieren - schließlich ist Özdemir, dessen Eltern vor fünf Jahrzehnten aus der Türkei nach Deutschland kamen, das personifizierte Beispiel für eine gelungene Integration.

Offenkundig hatte das etwas enttäuschende Resultat mit der grünen Flügelarithmetik zu tun. Özdemirs Co-Chefin Simone Peter, die sich dem Votum der Delegierten zuerst stellte, kam lediglich auf 68 Prozent der Stimmen, eine Verschlechterung um fast acht Prozent gegenüber 2013. "Das lag an den Realos", hieß es hinterher beim linken Flügel, auf dessen "Ticket" Peter läuft. Bei den Realos wiederum, die von Özdemir repräsentiert werden, gab man den Ball zurück. Immerhin hatte eine völlig unbekannte Gegenkandidatin Peters fast 18 Prozent der Stimmen eingeheimst. "Die Linken waren zersplittert", schlussfolgerte ein Özdemir-Anhänger.

Wie dem auch sei, die Ergebnisse sind nicht unerheblich für die Bewerbung um die grüne Spitzenkandidatur bei der nächsten Bundestagswahl. Fraktionschefin Katrin-Göring Eckardt und ihr Co-Vorsitzender Anton Hofreiter haben dafür bereits ihren Hut in den Ring geworfen. Genauso wie Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck. Auch Peter und Özdemir werden solche Ambitionen nachgesagt. Angesichts ihres dürftigen Abschneidens in Halle könnte Peter nun davon Abstand nehmen.

"Es gibt keinen Planeten B"

Am Parteitagsende waren die Delegierten wieder ganz bei sich - ein großer Ballon mit der Aufschrift "Es gibt keinen Planeten B" flog durch die Tagungshalle, gleichsam als Symbol für das bekräftigte Ziel, die Stromversorgung in Deutschland bis 2030 komplett aus erneuerbaren Energiequellen zu speisen. Die Forderung einer Gruppe um Habeck, davon wegen Machbarkeitsproblemen abzurücken, fand keine Gnade.

Bliebe eigentlich nur noch zu klären, ob der Parteiname künftig geschlechtergerecht "Die Grün*innen" heißen muss . . .