Die Staatskanzlei ist schon in grüner Hand. Jetzt blasen die Grünen in Baden-Württemberg zum Sturm auf den Stuttgarter OB-Sessel. Am kommenden Sonntag will der grüne Realo Fritz Kuhn die jahrzehntelange Vorherrschaft von CDU-Oberbürgermeistern in Stuttgart beenden. Die Chancen für einen Coup in der Landeshauptstadt sind gut.

Eine Umfrage von SWR und "Stuttgarter Zeitung" sieht Kuhn mit 31 Prozent der Stimmen vor seinem schärfsten Konkurrenten, dem von CDU, FDP und Freien Wählern unterstützten, aber parteilosen Unternehmer Sebastian Turner (28 Prozent).

Für die durch die Niederlage bei der Landtagswahl 2011 und durch die EnBW-Affäre gebeutelte CDU wäre es Balsam für die Seele, den wichtigsten kommunalen Posten wieder zu besetzen. Die SPD könnte einen Sieg der von ihr getragenen Kandidatin Bettina Wilhelm ebenfalls gut gebrauchen, hängt der Partei noch immer nach, dass sie in der grün-roten Regierungskoalition im Land nur Juniorpartner ist und ihr Vize-Ministerpräsident Nils Schmid (SPD) im Schatten des beliebten Regierungschefs Winfried Kretschmann (Grüne) steht.

Es wird nicht damit gerechnet, dass einer der 14 Kandidaten gleich im ersten Anlauf die 50-Prozent-Hürde nimmt. Bei einem möglichen zweiten Durchgang am 21. Oktober reicht dann die einfache Mehrheit der Stimmen.

Die Frage ist, wie sich Kuhn und Wilhelm dann verhalten. Einzeln genommen hat jeder der beiden mehr Spielraum nach oben als Turner. Gehen aber beide in die nächste Runde, würde eine Stimmenzersplitterung im Lager links des Werbefachmanns Turner ("Wir können alles. Außer Hochdeutsch") dessen Sieg möglich machen.

Ob eine Absprache zwischen Kuhn und Wilhelm zustande kommt, ist ungewiss. Bisher sind solche Vereinbarungen missglückt, auch weil sich Grüne und SPD in der Landeshauptstadt nicht gewogen sind. 1996 konnte sich CDU-Mann Wolfgang Schuster nur durchsetzen, weil im zweiten Durchgang nicht nur sein Hauptkonkurrent Rezzo Schlauch (Grüne), sondern auch der SPD-Bewerber Rainer Brechtken erneut antrat. Während die SPD damals Ärger bei den Grünen über die vermasselte Chance auslöste, sorgte bei der OB-Wahl 2004 ein Grüner für Frust. Der damalige Grünen-Kandidat und heutige Tübinger OB Boris Palmer sprach sich vor der Neuwahl indirekt für Schuster aus und machte sich aus Sicht der SPD zu dessen Steigbügelhalter.

Schulpolitik, bezahlbarer Wohnraum, Verkehrs- und Wirtschaftspolitik sind die Themen, die den 600 000 Einwohnern von Stuttgart auf den Nägeln brennen. Das Milliarden-Bauvorhaben Stuttgart 21 rangiert je nach Umfrage nur noch auf Rang vier oder acht.