Sie alle beten für die Freilassung der beiden jungen Familienväter. Sie entzünden Kerzen dafür, dass die Entführten inneren Frieden finden und ihre bangenden Familien Stärke behalten. Und sie sammeln inzwischen Unterschriften für den Abzug aller europäischen Truppen aus dem Irak.
In den vorderen Reihen von St. Nikolai sitzen die Menschen dicht gedrängt. Sie tragen grüne Stoffbänder in den Knopflöchern, Bänder die nun immer öfter im Stadtbild zu sehen sind, selbst an Antennen von Polizeiautos. Nach dem Wunsch der Betroffenen soll auch die deutsche Fußball-Nationalelf beim heutigen Testspiel gegen Italien grüne Bänder tragen.
Nach dem Friedensgebet stehen die Menschen mit Kerzen auf dem Kirchhof zusammen. "Unsere Herzen sind bei Euch" und "Gebt unsere Landsleute frei" steht auf Transparenten. Auf ein Pappschild hat jemand "Hände weg von René” geschrieben. Eine ältere Dame will Lösegeld sammeln oder wenigstens die Familien finanziell unterstützen. Eine frühere Arbeitskollegin von Sindy Brost, der Lebensgefährtin von René Bräunlich, ist eigens aus Darmstadt angereist. Und auch die Muslime in Leipzig erklären sich solidarisch.

Pfarrer: Ausdauer zeigen
Seit fünf Wochen sind die Techniker der Bennewitzer Anlagenfirma Cryotec mittlerweile von Kidnappern verschleppt. Seit Beginn des Dramas versammeln sich montags und donnerstags die Menschen in der Leipziger Innenstadt. Die Anteilnahme sinkt und steigt manchmal mit der Nachrichtenlage. Mitte Februar, als Gerüchte über eine angebliche Freilassung der Männer durch die Medien gingen, kamen 1500 Leute.
Derzeit nimmt die Beteiligung eher ab. Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer appelliert am Montagabend, weiter eng zusammenzustehen und Ausdauer zu zeigen. "Wir brauchen eine zähe Hoffnung", sagt Führer, "wir haben ja 1989 bewiesen, dass wir aushalten können." Führer bittet auch Vertreter der Bundesregierung, zu den Mahnwachen zu kommen.
Wie an jedem dieser Abende ist Cryotec-Geschäftsführer Peter Bienert dabei, auch wenn er sich viele Vorwürfe wegen seines Irak-Geschäfts und möglicher Leichtfertigkeit anhören musste. Der 54-jährige Ingenieur und seine Mitarbeiter verteilen jetzt 5000 grüne Flugblätter der Familien Bräunlich und Nitzschke, auf denen sie um Unterstützung bitten. "Lassen Sie uns nicht allein", heißt es auf den Zetteln und: "Kommen sie zahlreich zu den Mahnwachen." Es dürfe kein Ende der Aktionen geben, sagt Bienert. Aus der Welle der Solidarität schöpfen die Betroffenen Mut und Kraft. Doch die Angst wächst.

Kein Kontakt zu Entführern
Die Bundesregierung hat nach wie vor keinen Kontakt zu den Geiselnehmern, auch wenn der Krisenstab Tag und Nacht arbeitet. In drei Videobotschaften hatten die Entführer mit der Ermordung der Leipziger gedroht, wenn Deutschland nicht jede Zusammenarbeit mit dem Irak beende. Doch das letzte Lebenszeichen ist nun 14 Tage her. Die Dauer der Entführung sei aber nicht ungewöhnlich, tröstete kürzlich Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) die Familien. Andere Fälle hätten meist mehrere Wochen und Monate gedauert. Die raschen Freilassungen von Susanne Osthoff und der Familie Chrobog seien "völlig untypisch".
Peter Bienert sieht sich derzeit in einem Zweifrontenkampf. Der höfliche Mann, der in ersten Fernsehbildern so ruppig wirkte, will alles in seiner Macht Stehende für die Freilassung seiner Mitarbeiter tun - und er will den Betrieb am Leben erhalten, damit die Jobs noch da sind, wenn die Kollegen nach Hause kommen. "Der Alltag lenkt uns ab", erklärt der Firmengründer. Doch das Geschäft sei schwer geworden, die Entführung habe ein großes Loch gerissen.
Cryotec hatte sich in den vergangenen Jahren auf das Irak-Geschäft konzentriert. Nun hat sich Bienert durchgerungen, unter den jetzigen politischen und sicherheitsmäßigen Zuständen keine Mitarbeiter mehr in den Irak zu schicken. Künftig müsse man sich andere Strategien überlegen, vielleicht irakische Techniker in Bennewitz ausbilden.
Aber zunächst plant Bienert neue Aktionen. Dass René Bräunlich und Thomas Nitzschke die Bilder aus der Nikolaikirche vielleicht im arabischen Fernsehen verfolgen können, gibt ihm dafür neue Hoffnung.