Ein wenig hat es gedauert nach dem Absacken der Grünen bei der Wahl. Jetzt brechen mit Macht die alten Gräben auf. Auf einem kleinen Parteitag mit rund 90 Delegierten und Hunderten Gästen wird laut, was lang nur insgeheim besprochen wurde. Mitte oder links? 41 Redner und rund fünf Stunden voll mit besorgten, bewegten, aufgeregten und teils auch ein bisschen feindlichen Wortmeldungen bringen keine Klarheit.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann steigt im Hof der Tagungshalle im Berliner Wedding am Samstagvormittag aus seinem dunklen Wagen in die Berliner Sonne. Hat er eine Botschaft mitgebracht? "Ja." Welche? "Die verkünd' ich ja nachher." Was Kretschmann in petto hat, ist eine Generalabrechnung. Ziel: die langjährige Leitfigur der Grünen, Jürgen Trittin. Andere Realos haben seinen Auftritt vorbereitet mit Aufrufen, sich wieder freundlicher gegenüber der Mitte zu zeigen. Nun führt Kretschmann erst das Orakel von Delphi an, auf Altgriechisch und in Übersetzung: "Erkenne Dich selbst - Nichts im Übermaß".

Doch auch andere reden frei von der Leber weg. Immerhin ticken viele Stammwähler der Grünen links. Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke geht jene an, die alles neu machen wollen. "Dieser Diskurs verliert aus meiner Sicht Mitte und Maß."

Gemeint ist auch Parteichef Cem Özdemir. Die beiden konnten sich noch nie leiden. Jetzt gehört Özdemir zu denen, die den Spagat machen: Schuldeingeständnis und Aufruf zum Neuaufbruch - dabei aber auch eigene Ambitionen. Nach einer Gegenkandidatur auf dem Parteitag im Oktober sieht es nicht aus.

Jürgen Trittin übt die Rolle des Einsichtigen: "Ich bin auch ein bisschen dafür verantwortlich, nein, ich bin auch dafür verantwortlich, dass die eine Millionen Stimmen, die wir 2009 gewonnen haben, wieder weg sind." Von Überschwang während der guten Zeiten spricht er. Die Grünen dürften die Bevölkerung auch nicht mehr schurigeln wollen. Doch besonders links - gar zu links - sei das grüne Programm nicht gewesen.

Und wie argumentiert nun Katrin Göring-Eckardt, die trotz ihrer Verantwortung als Spitzenkandidatin Fraktionschefin werden will? Bürgerliche Wähler sollte die Realofrau ansprechen, hat nun aber wegen teils linker Töne auch Fürsprecher bei der Parteilinken.

Göring-Eckardt grenzt sich fast so stark vom Gewesenen ab, als hätte sie damit nichts zu tun gehabt. "Ich bin ja der Meinung: Wir haben total übersteuert in unserem Wahlkampf."

An die Fraktionsspitze will auch Kerstin Andreae, Wunschkandidatin der Realos aus Baden-Württemberg. Sie stellt sich gegen die Ansicht, sie sei zu liberal. Ob Göring-Eckardt oder Andreae das Rennen machen, ist offen.

Simone Peter hat es dagegen erstmal leicht. Die frühere Saar-Umweltministerin ist bei den Linken als kommende Parteichefin gesetzt - und darf nur keinen Fehler machen. Sie ruft klar und knapp zu konstruktivem Umgang auf, zur Erneuerung und Besinnung auf die Ökologie, auch zu weiterem Kümmern ums Soziale. Niemand widerspricht.