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Großschönau wirbt mit einmaliger Textil-Geschichte

Im Damast- und Frottiermuseum bestückt Museumsmitarbeiterin Gabriele Meirich einen historischen Webstuhl.
Im Damast- und Frottiermuseum bestückt Museumsmitarbeiterin Gabriele Meirich einen historischen Webstuhl. FOTO: dpa
Großschönau. Stadtansichten, Wappen, biblische Szenen, Blumen, Jagdszenen – detailreich und fein eingewebt in edlem Material. Nur beim richtigen Lichteinfall zeigen sich die Motive gut erkennbar im Tuch. Ein Ort in Ostsachsen ist mit solchem Bildgewebe weithin bekannt geworden. Anett Böttger

Tafelwäsche aus echtem Damast war einst purer Luxus. Europäische Adelshäuser ließen sich das exklusive Bildgewebe aus Großschönau (Landkreis Görlitz) kommen, wo ein großer Teil der Bevölkerung über Jahrhunderte hinweg von der Herstellung des kostbaren Leinenstoffes lebte. "In keinem anderen Ort Deutschlands wurde so viel und so lange Damast gewebt", sagt Ute Hultsch. Sie leitet das Deutsche Damast- und Frottiermuseum in der ostsächsischen Gemeinde. Doch es gibt weitere Gründe, weshalb dort am Tag der Deutschen Einheit am Freitag ein Textillehrpfad eröffnet wird.

"Großschönau zeichnet sich durch eine einmalige Textilgeschichte aus", sagt Bürgermeister Frank Peuker (SPD). In dem Ort unweit der deutsch-tschechischen Grenze sei 1666 der erste Damast Deutschlands gewebt worden. Auch die Herstellung von Frottierware, etwa für Handtücher, habe 1856 in Großschönau deutschlandweit ihren Anfang genommen. Doch nicht nur diese historischen Superlative rechtfertigen den Beinamen "Textildorf", den der Ort seit einigen Jahren trägt.

Peuker nennt es einen Glücksfall, dass gleich zwei weltweit agierende Betriebe die Tradition der Textilindustrie in Großschönau fortsetzen, noch dazu in einer Region, die einst zu den Hochburgen der Branche zählte. "Wir haben gewaltige Umbrüche seit 1990 erlebt", schaut der Bürgermeister zurück. So hatte der VEB Frottana zu DDR-Zeiten rund 3800 Beschäftigte. Ein erheblicher Teil davon habe allerdings nicht in der Produktion gearbeitet, relativiert Peuker. 240 Mitarbeiter sind heute in der Frottana-Textil GmbH & Co. KG beschäftigt. Das Unternehmen liefert Textilien für Bad und Sauna an Kunden in Europa und Asien.

140 Menschen arbeiten bei der Damino GmbH, die zur Daun-Gruppe mit Sitz in Rastede (Niedersachsen) gehört, berichtet Geschäftsführer Dirk Ladenberger. Die Firma setzt in Großschönau die Damastweberei mit Jacquardtechnik fort. Gefertigt werden Tisch- und Bettwäsche für Fluggesellschaften, Kreuzfahrtlinien, Hotelketten und Gaststätten sowie Stoffe für den afrikanischen Bekleidungsmarkt. Der Verband der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie lobt die "erfreulicherweise großen Produktionskapazitäten" an dem wichtigen Traditionsstandort der Branche. "Die beiden Heimtextil-Hersteller stehen im globalen Wettbewerb mit Anbietern, die ihre Waren aus Billiglohn-Ländern beziehen", sagt Hauptgeschäftsführer Bertram Höfer. "Wer verantwortungsbewusst und trotz der hohen Kostenbelastungen in Deutschland erfolgreich Textilerzeugnisse produziert, verdient höchsten Respekt." Die Damastweberei hatten die Brüder Friedrich und Christoph Lange in den Niederlanden erlernt, bevor sie die Kunst 1666 nach Großschönau brachten.

"Um 1830 lebten etwa drei Viertel der Bevölkerung im Ort von diesem Handwerk", erzählt Museumsleiterin Hultsch. Mit der Jacquardtechnik ließen sich Muster später preiswerter und vor allem schneller einweben. "Echter Damast ist immer Handarbeit und wird heute nicht mehr hergestellt", sagt Hultsch. Die moderne Methode - benannt nach ihrem Erfinder Joseph-Marie Jacquard (1752-1834) - brachte die Damastweberei Anfang des 20. Jahrhunderts zum Erliegen.

Auf dem Textillehrpfad können Besucher künftig den Spuren der vielschichtigen Geschichte Großschönaus nachgehen.

Zum Thema:
Mit einem Lehrpfad will Großschönau (Landkreis Görlitz) auf seine einmalige Textil-Geschichte hinweisen. Am 3. Oktober wird der rund sieben Kilometer lange Weg offiziell eröffnet. Nach Angaben der Gemeinde wurde 1666 in dem Ort der erste Damast Deutschlands gewebt. Auch die Herstellung von Frottierware habe 1856 in Großschönau deutschlandweit ihren Anfang genommen. Die Route führt zu stillgelegten und noch existierenden Produktionsstandorten, zum Deutschen Damast- und Frottiermuseum, zu ehemaligen Fabrikantenvillen sowie Umgebindehäusern, in denen einst Handwebstühle ratterten. Die 29 Stationen sind auf Deutsch und Tschechisch beschriftet.