Wen man auch fragt, alle sind sich einig: "Das mit der Turnhalle geht nicht." Die Turnhalle war schon Hort des Ärgers, bevor die 15 Asylbewerber ankamen, die dort jetzt in Schlafsäcken kampieren. Eigentlich ist sie baufällig, seit Wochen darf niemand mehr rein. Der Kreis brauchte dringend Notunterkünfte für Asylbewerber. In der Not muss die alte Turnhalle wieder ran. Vor zehn Tagen kamen die Asylbewerber in Großröhrsdorf an. Gerechnet hatte der 6600-Einwohner-Ort mit Familien aus Kriegsgebieten - es kamen aber junge Männer, von denen viele russisch sprechen.

Viele Unstimmigkeiten

Nur einen Tag später ging ein 23-jähriger Großröhrsdorfer zur Polizei und erstattete Anzeige. Er sei die Straße entlang spaziert, als ein "südländischer Typ" ihn grundlos angegriffen und leicht verletzt habe. Die Täterbeschreibung: 1,85 Meter groß, schlank, mit Dreitagebart und auffällig muskulösen Oberarmen. Die Polizei schickte einen vorsichtig formulierten Zeugenaufruf raus. Darin stand auch, dass man sich durchaus frage, "warum zwischen dem Vorfall und dem abgesetzten Notruf etwa eine halbe Stunde Zeit verging". Nur eine von vielen Unstimmigkeiten an der Geschichte. Die klärten sich recht bald auf: Den 1,85 Meter großen südländischen Muskelmann gibt es gar nicht.

Am Mittwoch teilten Polizei und Staatsanwaltschaft Görlitz mit, dass alles eine Ente war . Der Angriff habe "nicht stattgefunden", der 23-Jährige hat sich alles ausgedacht. Seine blauen Flecken waren selbst gemacht. Er kann sich nun auf ein Verfahren wegen Vortäuschens einer Straftat gefasst machen. Er habe das einfach "den Ausländern in die Schuhe geschoben", weil die "seit Tagen hier "Blödsinn machen".

Zweimal musste die Polizei anrücken. Einmal randalierte ein alkoholisierter Bewohner und legte vor der Tür ein Feuer, das die Turnhalle zuqualmte. Der Sicherheitsdienst löschte, die Feuerwehr kam zum Lüften. Der 26-Jährige pustete 1,96 Promille ins Röhrchen und wurde gleich mitgenommen. Am Tag drauf kam die Polizei wieder, weil ein 34-Jähriger sich mit einem Messer verletzt hatte. Der Mann stand offenbar unter Drogen.

Die Vorfälle machten schnell die Runde, wurden via Facebook ausgewertet und ausgeschmückt. Die Stimmung im Städtchen droht zu kippen, Kommune und Kreis stehen unter Druck. Der Knatsch trifft eine Region, die noch vor wenigen Monaten wegen Ausfällen gegen die sorbische Minderheit in den Schlagzeilen war. "Die Kultur des toleranten Miteinanders hat tiefe Risse bekommen, gegen die wir uns erwehren müssen", heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme von Politik, Gewerkschaften und Kirchen des Kreises. Nach der Geschichte mit dem Angriff ging Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) in die Offensive. Per Brief bat Harig die Landesdirektion, keine weiteren allein reisenden Männer zu schicken. Am besten gleich gar keine Asylbewerber mehr für den Rest des Jahres.

Das "Nein" kam prompt, von Landesdirektion und von Innenminister Markus Ulbig (CDU). Der Kreis Bautzen soll, trotz aller Schwierigkeiten, 7,6 Prozent der in Sachsen ankommenden Asylbewerber aufnehmen. Knapp 1100 Asylbewerber werden seit Anfang Dezember im Kreis untergebracht, 150 weitere sollen bis Jahresende kommen. Sie kommen aus 35 Ländern, die meisten aus Russland, Indien, Tunesien, Libanon, Pakistan, Serbien, Georgien und Syrien. Ernste Hoffnungen auf Asyl können sich indes nur Syrer und Iraker machen.

"Dauernd kommt die Polizei"

Dass viele der Turnhallenbewohner am Ende abgelehnt werden, erschüttert die Integrationsbereitschaft der Großröhrsdorfer. "Lassen Sie uns offen bleiben dafür, jeden politisch Verfolgten, jeden Menschen, der sich in einer wirklichen Notlage befindet, der vor Krieg und Vertreibung flüchtet, gern bei uns aufzunehmen", bittet Bürgermeisterin Kerstin Ternes (parteilos) ihre Mitbürger. "Wir dachten, es kommen Familien mit Kindern", sagt dagegen einer, der nahe am Heim wohnt. Nun habe man "lauter junge Kerle", und dauernd komme die Polizei. Sei ja auch klar, dass da früher oder später was passieren muss, "wenn die den ganzen Tag aufeinander hocken". Sauer über die Notlösung mit der Turnhalle ist auch der Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde. Man verstehe nicht, dass die innerhalb von zwei Wochen zur Notunterkunft erklärt wurde, obwohl sie bald abgerissen werden soll: "Kritische Stimmen diesbezüglich wurden im Vorfeld leider ignoriert."

Doch mit der Notlösung soll bald Schluss sein, bis Weihnachten will der Kreis die Turnhalle wieder dicht machen. Die Bewohner sollen auf die drei anderen Gemeinschaftsunterkünfte aufgeteilt werden. Die Turnhalle müsse aber weiter "auf Standby" gehalten werden. Vielleicht wird sie doch noch gebraucht.

Zum Thema:
Nicht nur in Großröhrsdorf gibt es Probleme. Im mittelfränkischen Ort Vorra haben Unbekannte in drei geplanten Flüchtlingsunterkünften Feuer gelegt und diese unbewohnbar gemacht. Am Tatort fanden sich Hakenkreuzschmierereien sowie die Botschaft "Kein Asylat in Vorra". "Es spricht einiges dafür, dass es sich um Brandstiftung handelt", sagte ein Polizeisprecher. Da die Gebäude noch leer standen, wurde bei dem Brand niemand verletzt. Anwohner und Politiker reagierten entrüstet. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) will die Sicherheitsmaßnahmen in Flüchtlingseinrichtungen verschärfen. dpa/kr