Die Menge hat es sich gemütlich gemacht am Uhyster Seeufer – auf Decken, Jacken, Kissen, Campingstühlen oder dem blanken Hosenboden. Alles schaut gebannt auf die spiegelnde Wasseroberfläche des 1300 Hektar großen Bärwalder Sees, hinter dem sich die Silhouette des Kraftwerks Boxberg abzeichnet – voller winziger Lichter der moderne, geschäftige Teil, düster und stumm der Bereich des Altkraftwerkes. Nur die roten Lichter der drei Schornsteine des Altkraftwerkes warnen den Flugverkehr: Noch ist mit ihnen zu rechnen.

Einsatz für das Stahl-Quartett
Wie zum Beweis flammt von der Spitze eines dieser Schlote ein Laser auf und schneidet einen grünen Lichtkegel in den Nachthimmel. Das ist der Einsatz für das Stahl-Quartett, das, rötlich illuminiert, auf dem Bootsanleger darauf gewartet hat. Jetzt streichen die Musiker die von Jan Heinke entwickelten Stahl-Celli – Röhrensysteme über gewölbten Blechen. Dröhnend und drohend, zitternd und klagend, auch mal dissonant kreischend wie Werkstattgeräusch, steigt Klang vom See auf, während der Schornstein seine letzte Vorstellung gibt. Er blitzt Signale ins Land, stellt sich – von einer vielstrahligen Laser-Krone umkränzt – wie ein Heiliger ins Land und wirkt doch irgendwie unheilig und unheimlich dabei, wie er zum anschwellenden Sphärenklang in wechselnden Farben das Wasser abtastet. Doch eher ein zehnarmiger Krake? Ein Leuchtturm, der den schützenden Heimathafen verheißt oder eine fremde Macht, die das Land misstrauisch überwacht?
Zweieinhalb Stunden haben die Zuschauer Zeit, darüber nachzudenken oder einfach in die Musik zu versinken. Aber viele halten es nicht aus bis zum Ende des zweiten Veranstaltungsteils, in dem nun Jacob Korn das Schwingen der Stahlinstrumente elektronisch aufbereitet und neu komponiert. Ein Trüppchen älterer Herrschaften, eine Hausgemeinschaft aus Bautzen, zeigt sich sogar enttäuscht. Im vergangenen Jahr vom Laserspektakel am Uhyster Strand begeistert, waren sie wiedergekommen. Doch dieses Mal sei die Lichtshow zu eintönig gewesen. „Sehr interessant“ , findet sie dagegen Ina Bernhardt aus Dresden. „Aber jetzt ist es mir einfach zu kühl geworden.“ Zumal sie am nächsten Morgen wieder fit in die Transnaturale einsteigen möchte.
Am Samstag und Sonntag gilt es für Tausende Radfahrer, Wanderer oder Inlineskater, den Bärwalder See zu umrunden. Überall am 26 Kilometer langen „Kunstparcours“ verteilt warten Installationen von zehn Künstlern darauf, entdeckt und in Besitz genommen zu werden.
Mitten in einem Birkenwäldchen beispielsweise haben Marcus Große und Christoph Bartsch eine 30 Quadratmeter große Laminat-Fläche verlegt. Statt Naturfototapete an der Wohnzimmerwand ein Wohnzimmer zwischen echten Bäumen. Eine Gruppe von Kunsterziehern aus ganz Sachsen hat diesen Platz sofort für ein Picknick auserkoren. „Wir stellen hier die moderne Version von Monets Frühstück im Freien nach“ , sagt Christa Kadner aus Pirna lachend.

Auf der Jagd nach Kunst
Zur gleichen Zeit findet auf der anderen Seite Sees ebenfalls ein Picknick statt – auf einer Anhöhe von Kiesbergen, die den Blick über das aus Kohle briketts gestaltete Kunstwerk „Abbau“ gestattet, will die sorbische Künstlerin Maja Nagel die Besucher zum Verweilen einladen; dazu, sich auf die zur Installation gehörenden Geräusche einer Dorfwelt einzulassen, die an zwei unweit von hier mit dem Tagebau untergegangene Orte erinnern: Merzdorf und Schöpsdorf.
Man müsste sich ins Gras legen, innehalten und lauschen. Aber nur die Wenigsten nehmen sich die Zeit. Sie schwingen sich aufs Rad und jagen weiter Kunst. Vorbei am Objekt von Holger Starke, das sich wie eine schwarze Schlange durch Erde und See bohrt. Vorbei am Terreskop von Mila Burghardt, bei dem durch Röhren Zivilisations- und Naturgeräusche aus dem Boden aufsteigen. Vorbei an Matthias Lehmanns „Bambi through a Forest“ , das sich, trotz des Warnschildes „Wildwechsel“ , leicht übersehen lässt. Eine Kette von weißen Hirschen, versteckt im dichten Wald soll im Vorüberrauschen die Illusion eines bewegten, durchs Unterholz laufenden Tieres erzeugen. Soweit die Theorie. In der Praxis allerdings müsste man, so weiß Festivalchef Dr. Klaus Nicolai zu berichten, mit etwa 80 Stundenkilometern vorbeifahren, um den Effekt wirklich zu sehen zu bekommen.

Musik aus dem DDR-Sauger
Aber darum geht es ja auch nicht, sondern ums Innehalten, Stutzen, darum, sich auf Neues und Ungewohntes einzulassen. Auch klanglich, und dafür bietet das „Theater im Ohr“ am Boxberger Seeufer diesmal reichlich Gelegenheit. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben erfahren Besucher hier, wie Hans-Karsten Raeckes Blas-Metall-Dosen-Harfe aufgebaut ist, wie sich aus einen DDR-Staubsauger ein Ventil-Zug-Metalluphon bauen lässt, was der in der Mongolei gebräuchliche Obertongesang ist und wie er mittels der Taschenfalten, die jeder Mensch besitzt, erzeugt werden kann. Ungläubiges Staunen, als Jan Heinke gleichzeitig in tiefem Brummen und hohem Fistelgesang polyphon ein Bachstück vorträgt, durch nichts als menschliche Vibration.
Über all dem ragen die Schlote von Boxberg in den Himmel. Noch einmal erwachen sie am Samstag zu weithin sichtbaren Lichtgestalten. Und wehmütig weht ein Viel-Völker-Gesang im Performance-Konzert „leittönen 2“ über das Landschaftskunstwerk „Ohr“ . Abschied klingt in allen Sprachen gleich.

Die Letzten ihrer Art
  Die Schornsteine des Altkraftwerkes Boxberg sind laut Transnaturale-Leiter Dr. Klaus Nicolai mit 300 Metern die höchsten in Deutschland. In Europa gibt es nur noch ein einziges höheres Schornsteinbauwerk. Das steht in Rumänien. Das Uhyster Schloss war ein weiteres Mal Teil der Transnaturale und gab künstlerischen Installationen Raum. Edward de Regt und Chris Kramer, die seit vergangener Woche Eigentümer des Gebäudes sind, hatten es dem Festival zur Verfügung gestellt. Sie wollen hier ein Kongress- und Wellnesshotel einrichten.