Es ist ein anspruchsvoller Versuch, der strauchelnden Partei wenige Wochen vor dem Parteitag im Oktober das Selbstwertgefühl zurückzugeben, das mit den Umfragewerten in den Keller zu rutschen droht.
Interessant an der Auswahl der Autoren sind vor allem die Namen, die nicht auftauchen. Die Parteilinke fehlt weitestgehend. Ihre prominenteste Vertreterin im Kabinett, Heide Wieczorek-Zeul, schreibt nicht, und auch die neben Steinbrück und Steinmeier als Parteivize vorgesehene Andrea Nahles findet sich nicht. Und es fehlt selbstverständlich auch das enfant terrible der neuen Parteispitze, der Berliner Stadtchef Klaus Wowereit mit seinem rot-roten Kurs.
Wer sich nun von diesem Band Aufschluss über den zukünftigen Kurs der deutschen Sozialdemokratie erhofft hatte, wird alles in allem eher enttäuscht. Er enthält insbesondere durch die Beiträge von Wissenschaftlern eine Vielzahl interessanter, zumeist allerdings auch nicht mehr überraschender Gedanken. Ansonsten aber dient das Sammelwerk vor allem einem Zweck: In der Auseinandersetzung mit der Linkspartei soll die SPD als hinreichend verlässliche Kraft des sozialen Ausgleichs und einer berechenbaren, verantwortlichen Politik erscheinen. Matthias Platzeck widmet folglich auch dieser Auseinandersetzung seinen, den Schlussbeitrag des Buches. Die derzeitige Sozialdemokratie ist dafür allerdings noch nicht hinreichend gewappnet, meint der frühere Parteichef und fordert eine "erneuerte SPD" entlang seiner Vorstellungen des "vorsorgenden Sozialstaates".
Es ist sicher Platzecks Verdienst, dass die Diskussion um diesen neuen Kurs in erstaunlich hohem Maß von ostdeutschen Erfahrungen geprägt wird. Aus dem brandenburgischen Landesverband kommt fast ein Dutzend der Wortmeldungen. Und die anderen Genossen aus den neuen Bundesländern sind, soweit sie in das innerparteiliche Raster passen, in großer Zahl vertreten. Wir wissen heute schon viel besser, was auf euch noch zukommt, lautet der Grundtenor all dieser Texte aus dem Osten in Richtung Westen. Wolfgang Tiefensee erzählt, "wo der Westen vom Osten lernen kann" und Jens Bullerjahn, der Frontmann der SPD in Magdeburg, erklärt "wie im Osten Zukunft entsteht".
Es bleibt allerdings trotz der 340 Seiten des Buches allzu vieles im Vagen. Da darf beispielsweise die Spitze der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie in Gestalt ihres Lausitzer Braunkohle-Vorkämpfers Ulrich Freese so nebenbei den Sinn des Ausstiegs aus der Atomenergie infrage stellen, sich aber jedes Gedanken zur Vereinbarkeit ihrer Energiepolitik mit dem Klimaschutz enthalten. Da wird seitenlang wieder und wieder das verteidigt, was entweder als Agenda 2010 oder als Hartz-Reformen über das Land kam. Es finden sich aber noch nicht einmal versteckte Andeutungen darüber, dass nach einigen Jahren Erfahrung mit diesen Umbaubemühungen der sozialen Sicherungssysteme neue Probleme, neue Fragen auftauchten.
Heute Nachmittag wird das große Eingangsfoyer im Willy-Brandt-Haus in Berlin sicher nicht ganz so überfüllt sein wie im Oktober 2006, als Alt-Kanzler Gerhard Schröder seine schnell geschriebene politische Bilanz vorstellen ließ. Was damals gesagt wurde, ließ den überlebensgroßen, bronzenen Parteipatriarchen in der linken Ecke stehen. Platzeck will ganz bewusst wieder anknüpfen an eine Zeit, in der die SPD unter ihrem Vorsitzenden Brandt so etwas wie Meinungsführerschaft in der deutschen Politik beanspruchte. Dafür ist dieses Buch aber nicht mehr als ein zaghafter Anfang.