Julia Herder und ihre beide Freundinnen haben in der Nacht nach dem Amoklauf sehr schlecht geschlafen. "Ich habe geträumt, dass er mich erschossen hat", sagt die 13-jährige Schülerin der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten. "Ich bin bestimmt zehnmal wach geworden." Julia kommt gerade aus Stroetmanns Fabrik, dem Kulturzentrum der 35 000 Einwohner zählenden Stadt im Münsterland.
Dort wurde sie zusammen mit vielen anderen Schülern und Eltern von einem Notfallseelsorgerteam von Diakonie, Caritas und dem Kreis Steinfurt betreut - insgesamt 62 Helfer nwaren im Einsatz. Offenbar mit großem Erfolg: "Es geht uns jetzt viel besser", erzählen die drei Mädchen übereinstimmend. "Die Psychologen haben uns erzählt, was wir tun können, damit wir nicht mehr solche Angst haben."
Die Kinder und Jugendlichen teilen sich in Gruppen auf, reden über das fürchterliche Geschehen, malen Bilder und halten ihre Gedanken und Gefühle in einem Buch fest.
Gerade jüngere Kinder hätten noch immer große Angst. Sie hätten zum Teil nicht allein in ihrem Zimmer schlafen wollen und trauten sich auch gestern nur in Begleitung zur Toilette, sagte Detlef Eden von der Caritas gestern. Bis die Geschehnisse verarbeitet und die Ängste abgebaut seien, werde es noch Monate dauern. Wichtig sei jetzt, dass die Eltern mit ihren Kinder über das Erlebte sprechen.
Gut einen Kilometer entfernt steht der Polizeipräsident von Münster, Hubert Wimber, vor der Schule und macht sich Gedanken darüber, wie es zu so einer Tragödie kommen konnte.
Nach Auffassung des Psychologen Jens Hoffmann lassen sich potenzielle Amokläufer an Schulen bereits im Vorfeld erkennen. Die bisherigen Ergebnisse einer Studie zeigten, dass immer wieder identische Muster und "entsprechende Frühwarnsignale" deutlich würden, sagte der Experte von der TU Darmstadt gestern. Indizien für eine "krisenhafte Entwicklung von Jugendlichen" seien unter anderem öffentlich zum Ausdruck gebrachte Wut auf Lehrer und Schüler, Identifizierung mit Amokläufern, auffallende Kleidung und angedrohte Gewaltexzesse.
Deshalb appellierte der Wissenschaftler nicht nur an Pädagogen, besser hinzuhören und hinzusehen, sondern auch an Mitschüler. Gerade Klassenkameraden erhielten im Alltag Hinweise auf bestimmte Entwicklungen von Altersgefährten, sagte Hoffmann. Bei solchen Anzeichen sollten sich die Schüler vertrauensvoll an Pädagogen wenden.
Heute soll ein ökumenischer Gottesdienst in der Kirche Sankt Pankratius im Emsdetten stattfinden. (dpa/ddp/epd/kr)