Unter der bemalten Glaskuppel des Görlitzer Warenhauses hat schon lange niemand mehr eingekauft. Die Galerien rings um den imposanten Lichthof sind verwaist. Seit mehr als vier Jahren steht der am 30. September 1913 eröffnete Jugendstilbau leer. Sein 100-jähriges Bestehen wird allenfalls im Stillen begangen.

Doch es gibt wieder Hoffnung auf florierenden Handel in dem Warenhaus, das im Original erhalten ist. Als "Ka de O" (Kaufhaus der Oberlausitz) soll es in absehbarer Zeit öffnen. So hat es sich Winfried Stöcker vorgenommen, der seit drei Monaten neuer Besitzer des prächtigen Denkmals ist - und einen zweistelligen Millionenbetrag investieren will. "Das Görlitzer Kaufhaus ist einer der letzten Vertreter der Warenhausarchitektur vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die leider nur noch selten in Europa anzutreffen sind", schätzt Andreas Bednarek ein.

Der Görlitzer Kunsthistoriker hat mehrfach über den Bau in der deutsch-polnischen Grenzstadt publiziert. Das berühmte "Wertheim" in Berlin war seinerzeit Vorbild dafür. Die farbige Glaskuppel erinnert an das Pariser "Lafayette". Verkaufsgalerien auf drei Geschossen umgeben den Lichthof, bronzierte Geländer an den Treppenkonstruktionen verleihen dem Innenraum Eleganz. Zu DDR-Zeiten war das Gebäude am zentralen Demianiplatz HO-Warenhaus.

Nach der Wende wurde es von Karstadt übernommen. Als im Jahr 2005 das Unternehmen 74 Häuser mit weniger als 8000 Quadratmetern Fläche verkaufte, ging auch das Görlitzer Haus in den Besitz des britischen Immobilienfinanzierers Dawnay Day über.

Zuletzt gehörte es zur Kaufhauskette Hertie, die im Sommer 2008 Insolvenz anmelden musste. Am 15. August 2009 stand der Jugendstilbau zum letzten Mal offen. Seither liefen Verhandlungen mit Interessenten für die bundesweit einzigartige Immobilie.

Anfang dieses Jahres war sie Filmkulisse für die Hollywood-Produktion "The Grand Budapest Hotel". Der US-amerikanische Regisseur Wes Anderson ("Moonrise Kingdom") hatte dort wochenlang mit Stars wie Ralph Fiennes, Jude Law oder Jeff Goldblum gedreht.

Im Juni dieses Jahres wurde bekannt, dass der Mediziner Winfried Stöcker das Kaufhaus erworben hat. Der Arzt für Laboratoriums- und Transfusionsmedizin führt ein weltweit agierendes Unternehmen mit Hauptsitz in Lübeck. Die Firma stellt Produkte für medizinische Labordiagnostik her und beschäftigt nach eigenen Angaben rund 1500 Mitarbeiter, davon knapp 200 in der Oberlausitz.

"Ich habe einen Bezug zur Region", begründet Stöcker sein Engagement in Ostsachsen. Er stammt aus Rennersdorf (Landkreis Görlitz).

1960, als er 13 Jahre alt war, verließen seine Eltern mit vier Kindern den Ort in Richtung Westen. 1990 kehrte Stöcker zurück und eröffnete auf dem früheren väterlichen Besitz eine Außenstelle seiner Firma. Auch in Bernstadt und am Berzdorfer See im Süden von Görlitz ist der Unternehmer bereits aktiv. Das Jugendstilkaufhaus könne Stöcker in baulich relativ sicherem Zustand übernehmen, sagte der Chef der Denkmalschutzbehörde, Peter Mitsching. Er hatte in der Zeit des Leerstandes immer ein wachsames Auge auf das Gebäude. "Jedes Denkmal ohne Nutzung ist gefährdet", sagt Mitsching. Viel Schaden sei abgewendet worden, weil eine Parfümerie auf einem kleinen Teil der Fläche über all die Jahre ausharrte. Dadurch sei das Haus im Winter beheizt worden.

Stöcker will nun mehr als 20 Millionen Euro investieren, etwa in moderne Aufzüge oder einen Anbau mit Rolltreppen. Über der Glaskuppel sei ein Café geplant. "Es soll ein feines Kaufhaus sein", sagt der Arzt. Er wünscht sich, dass auch Kunden aus Dresden und dem polnischen Wroclaw (Breslau) kommen, um in niveauvollem Ambiente elegant und erstklassig einzukaufen. Bevor das Haus wieder offen steht, werden allerdings noch bis zu zwei Jahre für Umbau und Modernisierung vergehen.