Kommt das Gespräch auf die künftige Elbbrücke bei Mühlberg (Elbe-Elster-Kreis), leuchten bei Wolfhart Patrik die Augen. „Solch eine Brücke baust du nur einmal im Leben“ , schwärmt der Sachgebietsleiter konstruktiver Ingenieurbau des brandenburgischen Landesbetriebes für Straßenwesen in Cottbus. 690 Meter lang wird das Bauwerk, das die Landstraße in Brandenburg, die am Ufer der Elbe endet, mit der Staatsstraße im Sächsischen verbindet. Ein Nichts sind da die 70 Meter Spannweite der Elsterbrücke im Oberspree wald- Lausitz-Kreis, der bislang längsten Brücke im Landessüden.
Tief greifen die beiden Bundesländer in die Haushaltskassen, um die Lücke in der Verkehrsverbindung dauerhaft zu schließen, die bisher nur die Elbfähre stopfte. Mit je fünf Millionen Euro finanzieren sie den Bau, für den am 10. März der Spatenstich erfolgt. Ende 2007 sollen die ersten Fahrzeuge an dieser Stelle über die Elbe rollen.

Marode und unter Denkmalschutz
Das monströse Bauwerk in Mühlberg tröstet all jene nicht, die einige Kilometer entfernt tagtäglich auf die Elsterbrücke in Kleinrössen bei Falkenberg (Elbe-Elster) angewiesen sind. Deren Zustand treibt Diplomingenieur Patrik Sorgenfalten auf die Stirn. Das Bauwerk ist marode und steht zudem unter Denkmalschutz. Die Sanierung würde mindestens 1,5 Millionen Euro kosten, schätzt Patrik. Wegen des geringen „überörtlichen Verkehrs“ steht eine Rekonstruktion im Moment aus Sicht des Landesbetriebes nicht zur Debatte. Das Dilemma verschärft sich, weil die bisherige Notbrücke nach zehn Jahren so gut wie ausgedient hat. Kommt kein Ersatz, kann erst in 30 Kilometer Entfernung die Schwarze Elster überquert werden. Das treibt die Leute auf die Barrikaden. Hansgeorg Löwe beispielsweise befürchtet für seine Agrargenossenschaft Gräfendorf existenzbedrohende Kosten, weil ein Drittel der Wiesen und Äcker eben jenseits des Flusses liegt.
Zwischen den Extremen der künftigen modernen Elbbrücke in Mühlberg und der verschlissenen Elsterbrücke bei Kleinrössen ist die Normalität der „Brückenregion“ Lausitz und Elbe-Elster angesiedelt. Immerhin steht ein Drittel aller Brückenbauwerke der Mark im Süden des Landes. Anders als Hochbauten, von denen in diesem Winter einige wie Streichholzschachteln zusammengefallen waren, werden die Überführungen regelmäßig kontrolliert.
Der übergroßen Mehrheit bescheinigten die Prüfingenieure zuletzt solide Stärke. Die 111 Brücken des Bundes sind laut Patrik mit 60 Tonnen belastbar. Von den 223 Brücken in Landeshoheit schultern allerdings elf eine solche Last nicht mehr. Drei werden gegenwärtig erneuert. Acht stehen auf der Warteliste für die nächsten Jahre. Drei davon, darunter die Elsterbrücke in Kleinrössen, sind sogar „dringend sanierungsbedürftig“ , weil sie kaum oder nicht mehr befahrbar sind.
Die stark beschädigten Brücken auf Vordermann zu bringen, kostet ungefähr 5,5 Millionen Euro, haben die Experten ausgerechnet. Im Etat des Landesbetriebes steht für alle Sanierungsarbeiten allerdings jährlich nur eine Million Euro zur Verfügung. „Mit dem Geld können wir den Zustand der Brücken halten“ , schätzt Patrik ein. „Sollte es weniger werden, klappt das nicht mehr.“

Zwischen 30 und 40 Jahre alt
Dass die Brücken in der Lausitz im Gegensatz zu anderen Regionen beneidenswert belastbar sind, hat mit ihrer Geschichte zu tun. Viele von ihnen wurden während des Kohle- und Energie-Programms der DDR gebaut, haben also zwischen 30 und 40 Jahre auf den Pfeilern. Allerdings könnten sie schon in naher Zukunft schwächeln. Die Bauwerke bestehen oft aus einzelnen Fertigteilen. Zwar wurden sie nach der Wende mit Spannseilen verbunden, eine dauerhafte Lösung ist das aber nicht. Zudem war, so Patrik, die Betonqualität nicht immer gut. So musste eine Überführung auf der Bundesstraße 101 in Bernsdorf bei Herzberg (Elbe-Elster) saniert werden, obwohl sie erst im jugendlichen Brückenalter von 25 Jahren war.
Während Überquerungen auf Autobahnen, Bundes- und Landesstraßen in der Region wenig Sorgen bereiten, machen die umso mehr Kopfzerbrechen, die den Kreisen und Kommunen gehören. „Bei kommunalen Brücken ist der Nachholbedarf groß, der Zustand verschlechtert sich“ , schätzte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums in Dresden ein. Auch im Brandenburgischen ist das nicht anders. Wolfhart Patrik bezeichnet den Zustand „als ziemlich schlecht und teilweise dramatisch“ . Dietmar Friedrich, Sachgebietsleiter Straßen- und Tiefbau im Elbe-Elster-Kreis, bestätigt: „Bei der Hälfte der 38 Brücken auf Kreisstraßen gibt es Sanierungsbedarf.“ Einige von ihnen seien nur noch eingeschränkt tragfähig. Selbst wenn das Land wie bisher 75 Prozent der Kosten für den Neubau fördere, sei fraglich, ob der Kreis das Geld aufbringen könne. Schließlich betrage das Minus in der Haushaltskasse etwa 30 Millionen Euro.

Probleme durch Grundwasser
Mehr und mehr rücken aber noch andere Baustellen in den Blickwinkel der Experten. Durch das Stilllegen von Tagebauen steigt das Grundwasser. „Urplötzlich führen Gräben wieder Wasser, die seit Jahrzehnten trocken waren und deshalb auch nicht gepflegt wurden. Die Folge sind überflutete Durchlässe“ , schildert Patrik die Konsequenz. Im vorigen Jahr stand beispielsweise die Bundesstraße 96 in Betten bei Finsterwalde (Elbe-Elster) mehrfach unter Wasser, bis der Schaden behoben war.
Durchlässe sind kleine Brücken bis zu zwei Metern Länge. Gut 1000 hat die Cottbuser Niederlassung des Landesbetriebes für Straßenwesen zu unterhalten. „Der Erneuerungsbedarf ist enorm“ , schätzt Patrik ein, zumal die Belastung durch den Lkw-Verkehr zunehme. „Wir müssten jedes Jahr 100 Durchlässe erneuern, schaffen aber nur 20. Für mehr reicht das Geld nicht.“
Mancher kleiner Durchlass wird künftig wohl noch öfter zu einem großen Problem werden.

Hintergrund Regelmäßige Kontrollen
  Im Land Brandenburg gibt es 1800 Brücken über Autobahnen, Bundes- und Landesstraßen. Laut Verkehrsministerium in Potsdam ist keine davon in einem akuten kritischen Zustand.
4100 Brücken sind in Sachsen im Verantwortungsbereich der Landesstraßenbau-Verwaltung. 7240 Bauwerke gehören den Kreisen, Städten und Gemeinden.
Im Rhythmus von einem Jahr, drei und sechs Jahren werden Brücken mit unterschiedlicher Intensität auf Standsicherheit, Dauerhaftigkeit und Verkehrssicherheit geprüft.