Die Partner versprachen sich, konzentriert weiterzuregieren und erst so spät wie möglich in die Auseinandersetzung einzutreten.

Auch in Gesten zeigten die beiden nebeneinander auf der Regierungsbank sitzenden Konkurrenten, dass sie sich verstehen, jedenfalls noch. Steinmeier gab Merkel gratulierend die Hand, als diese ihr Loblied auf die Politik der Großen Koalition beendet hatte. Später tuschelten Kanzlerin und Vizekanzler immer wieder.

Den Anfang der „Schmuseveranstaltung“, wie FDP-Chef Guido Westerwelle, stichelte, hatte Struck gemacht, als er sagte, die Koalition habe Deutschland vorangebracht. Ihr einziger Fehler sei, dass sie ihre Erfolge unter Wert verkaufe. Struck hat über die Union auch schon anders geredet.
Sein Gegenüber von der Union, Volker Kauder, versprach für beide Regierungsparteien: „Wir machen keinen Wahlkampf. Wir müssen arbeiten.“ Was in den verbleibenden Monaten noch entschieden werden soll, ließ sich aus diversen Hinweisen erkennen: Eine Erhöhung des Kindergeldes um zehn Euro (Merkel), die Umsetzung des Verfassungsgerichtsurteils, wonach Krankenkassenbeiträge steuerlich besser absetzbar sein müssen (Kauder), die Erbschaftsteuerreform (Merkel) und auch eine Neuregelung der Pendlerpauschale. Denn nun wird doch laut Struck erwartet, dass das Verfassungsgericht sie verwirft. „Wir werden den Wahlkampf auf die Zeit reduzieren, die absolut notwendig ist“, versprach Kauder.

Westerwelle zerriss den Vorhang der Harmonie, indem er zitierte, was die Koalitionspartner noch vor wenigen Tagen über sich gesagt hatten. Merkel etwa, dass mit den Sozialdemokraten „kein Staat zu machen“ sei, oder der designierte SPD-Chef Franz Müntefering über die Union, dass sie „nicht die Meinungsführerschaft“ habe. Hier im Bundestag werde „geküsst, geherzt und gescherzt“, so Westerwelle, aber in Wirklichkeit herrsche in der Koalition Misstrauen und Blockade. „Dagegen waren Kain und Abel eine friedliche Gesellschaft.“ Der FDP-Chef warf ebenso wie der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Fritz Kuhn, der Regierung vor, „die guten Jahre verplempert“ zu haben.
Linke-Fraktionschef Gregor Gysi fand das Zurückgehen der Einkommen, die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse oder auch die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich „absolut keinen Grund, um stolz zu sein“.

Echte Wahlkampfstimmung kam nur wegen Erwin Huber auf, der nach Berlin gereist war, um von der Bundesratsbank aus einen großen Auftritt zu haben. Kaum ein Redner – außer die von der der Union – ließ die Gelegenheit aus, den am übernächsten Sonntag vor Landtagswahlen stehenden CSU-Vorsitzenden mit Seitenhieben zu bedenken.
Huber wartete vier Stunden geduldig, ehe er dran war. Er lobte Bayern und seine CSU-Regierung, kritisierte das rot-rote Berlin und warf der FDP vor, es mit der Sicherheit nicht zu genau zu nehmen. Es gab Unruhe im Saal. Nach fünf Minuten wurde Huber von der Sitzungsleitung unterbrochen: „Herr Minister, dass rote Licht vor ihnen bedeutet, dass ihre Redezeit um ist.“ Trotzdem wirkte der CSU-Chef, dessen Partei in Umfragen derzeit bei 50 Prozent liegt, hernach recht zufrieden mit sich und ging schwungvollen Schrittes an seinen Platz zurück. Sein Landesgruppenchef Peter Ramsauer eilte zur Gratulation herbei.
Dass Angela Merkel während seiner Rede unter der Bank auf ihrem Handy gesimst und Steinmeier den Saal längst verlassen hatte, hatte Huber vielleicht nicht bemerkt.