Regierungsparteien und Opposition werden im Parlamentspräsidium - wenn ihre Pläne aufgehen - künftig im Verhältnis fünf zu zwei vertreten sein, denn Parlamentspräsident wird wieder Norbert Lammert (CDU) werden. Die stärkste Fraktion hat traditionell ein Anrecht auf den Posten. Die Ausweitung der Zahl der hoch besoldeten Stellvertreter (12 375 Euro monatlich) wurde schon am Montag von Oppositionspolitikern heftig kritisiert. "Das Ganze riecht nach einem Deal der künftigen Großen Koalition", sagte die Fraktionsgeschäftsführerin der Linken, Petra Sitte, der RUNDSCHAU. Sie vermute, dass diese "Postenschieberei" bereits bei den Sondierungen verabredet worden sei. "Das gehört zum Paket." Union und SPD wiederum argumentierten, durch den Fortfall der FDP sei ein Präsidiumsplatz frei geworden.

Für die verbliebenen Vizes hätte das eine steigende Arbeitsbelastung bedeutet. Außerdem kehre man nur zurück zu der Regelung, die es schon 2005 gegeben habe. Auch damals regierte eine große Koalition. Union und SPD haben im neuen Bundestag eine Mehrheit von 80 Prozent. Das kann man heute auch optisch sehen. Vergangene Woche wurde im "Vorältestenrat" festgelegt, wie viele der telegenen Sitzplätze in der ersten Reihe welche Fraktion bekommt. Ergebnis: Union sieben, SPD fünf, Grüne und Linke jeweils zwei. Die Grünen sitzen wie bisher zwischen Union und SPD.

Neuer Oppositionschef ist Gysi

Es gibt übrigens auch einen neuen Oppositionsführer: Gregor Gysi von den Linken. Was die Rechte der Mini-Opposition angeht, so wollen Union und SPD allerdings dafür sorgen, dass Grüne und Linke künftig auch mit nur 20 Prozent zum Beispiel die Einberufung eines Untersuchungsausschusses durchsetzen können. Bisher gilt dafür eine 25-Prozent-Hürde. Heinz Riesenhuber wird heute als ältester Abgeordneter zum zweiten Mal hintereinander die konstituierende Sitzung eröffnen. Der CDU-Abgeordnete ist inzwischen 77 Jahre alt. Seine Eröffnungsrede von 2009 ist als Kuriosität in Erinnerung geblieben. Riesenhuber erzählte damals unter anderem, dass er Unternehmer regelmäßig frage: "Wann haben Sie Ihren Abgeordneten zum letzten Mal geknuddelt?"

Die Regierungsbank bleibt am ersten Tag leer, weil das Kabinett ab heute offiziell nicht mehr im Amt ist. Die Unions-Minister haben alle ein Abgeordnetenmandat und damit einen Stuhl im Plenarsaal. Nicht aber die fünf Regierungsmitglieder der FDP, deren Fraktion bei der Wahl aus dem Bundestag flog. Ihnen wurde angeboten, auf der Gästetribüne Platz zu nehmen. Aber als bemitleidenswerte Gestalten auf dem Präsentierteller sitzen, das wollten Westerwelle, Rösler und Co. denn doch nicht. Sie bleiben also der Sitzung fern.

Gauck verabschiedet Regierung

Am heutigen Dienstagnachmittag wird die bisherige schwarz-gelbe Regierung formell von Bundespräsident Joachim Gauck entlassen. Auch Kanzlerin Angela Merkel. Allerdings wird Gauck Merkel und ihr Kabinett bitten, "geschäftsführend" weiterzumachen.

Ab da dürfen alle dann auch wieder auf den gewohnten Plätzen vorne im Plenarsaal sitzen - falls es bis zur Bildung der neuen Koalition überhaupt noch eine weitere Bundestagssitzung gibt. Unwahrscheinlich ist das nicht, denn drei Auslandseinsätze der Bundeswehr laufen zum Jahresende aus und müssen vom Bundestag verlängert werden. Vorsorglich wurde deshalb schon ein Sitzungstermin in der letzten Novemberwoche blockiert, zwei weitere Sitzungswochen gibt es womöglich im Dezember.

Bei einem der Einsätze, der Anti-Terrormission "Active Endeavour", stimmte die SPD zuletzt gegen eine Verlängerung. Das Thema gehört damit zu den Konfliktpunkten kommender Koalitionsrunden. Aber ohnehin müssen Union und SPD Regeln finden, wie sie sich in dieser Phase des Interregnums koordinieren. Auch vor EU-Gipfeltreffen. Bei den Posten klappt das ja schon ganz gut.

Zum Thema:
Das erklärte Ziel von Union und SPD ist die Bildung einer neuen Bundesregierung noch vor Weihnachten. Hier die geplanten Etappen der Verhandlungen:Mittwoch, 23. Oktober: Nach getrennten Vorbesprechungen kommt eine große Runde von Union und SPD um 12 Uhr in der Berliner CDU-Zentrale zum Auftakt der Koalitionsverhandlungen zusammen. Mittwoch, 30. Oktober: Vorgemerkter Termin für eine nächste Sitzung der großen Verhandlungsrunde, diesmal in der SPD-Zentrale. November: Vorgesehen für Koalitionsverhandlungen in Arbeitsgruppen und in der großen Verhandlungsrunde von Union und SPD. Donnerstag, 14. November: Die SPD kommt zu ihrem dreitägigen Bundesparteitag in Leipzig zusammen. Montag, 18. November: Der CDU-Bundesvorstand könnte ein Datum für einen Kleinen Parteitag (Bundesausschuss) festlegen, der über einen Koalitionsvertrag abstimmen soll. Freitag, 22. November: Die CSU trifft sich in München zu einem zweitägigen Parteitag. Danach, voraussichtlich wohl Anfang Dezember: Über ein Ergebnis von Koalitionsverhandlungen sollen dann die 470 000 Mitglieder der SPD abstimmen. Dies dürfte rund zwei Wochen dauern.