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Große Gefühle und kleine Scharmützel

Zu den ersten Gratulanten Frank-Walter Steinmeiers gehört sein Vorgänger Joachim Gauck.
Zu den ersten Gratulanten Frank-Walter Steinmeiers gehört sein Vorgänger Joachim Gauck. FOTO: dpa
Berlin. Die SPD kann sich freuen. Ihr Kandidat Steinmeier ist mit einem guten Ergebnis zum Bundespräsidenten gewählt worden. Jetzt muss er in seine neue Rolle finden. "Mutmacher" will er in schwierigen Zeiten sein. Hagen Strauß, Werner Kolhoff und Stefan Vetter

Oben auf der Tribüne sind große Gefühle zu beobachten. Mutter Ursula wischt sich die Tränen aus den Augen, "ich muss erst noch alles verkraften", sagt die 87-Jährige, als sie den Plenarsaal verlässt. Ehefrau Elke Büdenbender, neue First Lady, knetet aufgeregt die Finger, sie atmet tief durch, ihre Stimme zittert: "Ein unglaublicher Tag. Ich bin noch ganz gerührt." Der Sohn, der Mann ist soeben zum zwölften Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt worden.

Frank-Walter Steinmeier hat 931 von 1239 gültigen Stimmen erhalten. Zu den ersten Gratulanten gehört sein Vorgänger Joachim Gauck. Ihm dankt die 16. Bundesversammlung zu Beginn mit stehenden Ovationen, nur die Linke und die AfD bleiben sitzen. Gauck verbeugt sich, er ist sichtlich bewegt. Ergriffenheit ist indes nichts, was man häufig bei Frank-Walter Steinmeier erleben wird. Als Bundestagspräsident Norbert Lammert das Ergebnis der Wahl um 14.15 Uhr verkündet, strahlt Steinmeier zwar über das ganze Gesicht, noch-SPD-Chef Sigmar Gabriel fällt ihm um den Hals. Aber seine Emotionen hat der 61-Jährige wie immer im Griff.

Kurz vorher hat Lammert Steinmeier in einem Raum im Ostteil des Reichstages aufgesucht, wo er auf das Resultat wartet. Die Mitarbeiter müssen den Saal verlassen, nur die engste Familie darf bleiben. Alles glattgegangen, so die Botschaft des Bundestagspräsidenten. Die Klingeln im Reichstag schrillen da schon, sein Puls sei "auf 180", verrät Bruder Dirk Steinmeier.

Dem neuen Bundespräsidenten, der am 19. März das Amt offiziell übernimmt, fehlen freilich über 150 Stimmen, die er hätte bekommen müssen, wenn Union, SPD, Grüne und FDP geschlossen für ihn votiert hätten. Wo die meisten Abweichler stecken, sieht man beim Blick auf die hinteren Reihen der Unions-Fraktion. Als das Wahlergebnis mitgeteilt wird und der Jubel aufbrandet, rührt sich dort keine Hand. Auch später nicht, als Steinmeier seine kurze Antrittsrede hält. Offenbar wirkt noch der Ärger darüber nach, dass es Angela Merkel nicht gelungen ist, einen vorzeigbaren Christdemokraten zu finden, der zur Kandidatur bereit gewesen wäre. Verstärkt hat den Frust zudem ein frühzeitiges Triumphgeschrei vonseiten der SPD. Der Berliner Landesverband macht über das Wochenende mit einem Tweet Schlagzeilen, mit dem er den "sozialdemokratischen" Bundespräsidenten begrüßt. Noch verletzender ist womöglich Sigmar Gabriels Spruch in der SPD-Fraktionssitzung, die Union habe sich "nicht getraut" gegen Steinmeier einen eigenen Bewerber aufzustellen.

Während die Abstimmung läuft, streift der Ex-Außenminister durch das Parlament, er wird geherzt, umarmt, gedrückt, viele wollen ein Selfie mit ihm machen. Auch CDU-Generalsekretär Peter Tauber bittet um ein Foto. "Das hat hier etwas von einem Klassentreffen", grinst FDP-Chef Christian Lindner. Jeder schwatzt mit jedem. Selbst die Travestiekünstlerin Olivia Jones mit orangener Perücke und kurzem türkisen Kleid nutzt die Gelegenheit zum angeregten Plausch mit Kanzlerin Angela Merkel, die farblich mit einem knallgelben Blazer und schwarzer Hose dagegenhält.

Außen vor bleiben vor allem die Wahlleute der AfD. "Das wird sich alles noch normalisieren", erklärt deren Vorsitzender Jörg Meuthen, der damit rechnet, dass seine Partei ab Herbst in Fraktionsstärke im Bundestag sitzen wird. Er und Co-Chefin Frauke Petry reihen sich später artig ein, als es ans Gratulieren des neuen Staatsoberhauptes geht. Bei der Eröffnungsrede von Bundestagspräsident Norbert Lammert aber ruft Petry mehrfach dazwischen. Kein Wunder - sein Thema ist das Erstarken der Nationalisten überall auf der Welt, auch in Deutschland. Ohne den Namen direkt zu erwähnen attackiert Lammert den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Wer Abschottung anstelle von Weltoffenheit fordere und sich sprichwörtlich einmauere, und wer "Wir zuerst" zum Programm erkläre, dürfe sich nicht wundern, "wenn es ihm andere gleichtun", betont Lammert. Alle Deutschen seien aufgerufen, Europa zu stärken. Bei diesen Worten stehen fast alle 1260 Versammelten auf und klatschen. Es ist eine spontane Anti-Trump-Demonstration der politischen Elite Deutschlands.

Überraschend viele Stimmen kann der Armutsforscher Christoph Butterwegge auf sich vereinen, den die Linken für das höchste Staatsamt nominiert haben. 128 Stimmen erhält er. Das sind gut 30 mehr, als die Linke Delegierte hat. Der Jubel bei ihnen kennt ebenfalls kaum Grenzen. Offenbar haben auch Grüne für Butterwegge gestimmt. Oder vielleicht ein paar Piraten? Genau wird man das nie erfahren. Butterwegge hat seine Frau Carolin und seine beiden Kinder mitgebracht. Eine gute Gelegenheit für eine "echtes Familienfoto", von der zumindest einige Delegierte der Linken Gebrauch machen.

Präsident wird aber an diesem Tag nun mal Steinmeier. Er fordert in seiner kurzen Ansprache, wenn das Fundament der Demokratie bröckele, "müssen wir umso fester dazu stehen". Und an seine "Landsleute" appelliert er: "Lasst uns mutig sein, dann jedenfalls ist mir um die Zukunft nicht bange." Mutter Ursula oben auf der Tribüne wischt sich wieder eine Träne aus dem Auge.