Die Macht von Donald Tusk bröckelt nicht nur. Seit diesem "Samstag des Zorns" ist klar: Die seit sechs Jahre andauernde Herrschaft des polnischen Premierministers ist vom Zusammenbruch bedroht. Mehr als 100 000 Menschen demonstrierten am Wochenende allein in der Hauptstadt Warschau gegen die Sozialpolitik der Regierung. Vor allem aber forderten sie eine Auflösung des Parlaments. "Wenn der Premier nicht auf den Boden der Tatsachen zurückkehrt, muss es Neuwahlen geben", verlangte der Chef der Gewerkschaft Solidarnosc, Piotr Duda.

Noch bis zur Sommerpause ließen sich ähnliche Forderungen aus den Reihen der Opposition als politische Spiegelfechterei abtun. Zu Beginn dieses "heißen Herbstes" jedoch, den Duda angekündigt hat, wandelt Tusk unvermittelt auf einem schmalen Grat zwischen Machterhalt und Absturz. Insbesondere der innerparteiliche Streit mit seinem konservativen Rivalen Jaroslaw Gowin in seiner eigenen rechtsliberalen Partei PO hat Tusk Kraft gekostet. Gowin und einige Mitstreiter sind aus der Fraktion ausgetreten. Im Sejm, dem polnischen Parlament, hat die Regierungskoalition seither nur noch eine Mehrheit von zwei Stimmen.

Ausdruck von Unzufriedenheit

Aber das ist nur der eine Teil des Dramas. Erstmals seit zehn Jahren zeigt zudem die polnische Wirtschaft Krisensymptome. Das Wachstum dürfte 2013 mit nur einem Prozent so niedrig ausfallen wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Die Arbeitslosigkeit könnte im Winter auf einen langjährigen Rekordstand von bis zu 15 Prozent ansteigen. In dieser Situation bricht sich die Unzufriedenheit vieler Bürger im Gewerkschaftsprotest Bahn. Es sei "Zeit für einen Generalstreik" verkündeten Plakate bei den Demonstrationen, zu denen bis zum Wochenende Zehntausende enttäuschte Arbeiter und Angestellte aus allen Landesteilen in die Hauptstadt strömten.

Die Gewerkschaften verlangen eine Anhebung des Mindestlohns und eine Rücknahme der Rente mit 67 Jahren. Zudem fordern sie ein Ende der Flexibilisierungspolitik auf dem Arbeitsmarkt. Ein großer Teil der polnischen Beschäftigten arbeitet in sogenannten "Mülljobs" auf Grundlage von Zeitverträgen ohne soziale Absicherung. "Polen erwache!", rief Duda am Samstag den Demonstranten zu und stellte beim Blick in die Runde fest: "Wir sind bereits aufgewacht."

Soziale und politische Forderungen

Gelingt es Tusk nicht, die Proteste bald zu besänftigen, dürfte der Regierung tatsächlich ein gefährlich heißer Herbst bevorstehen, zumal sich die soziale Revolte mit politischen Forderungen mischt. Die Solidarnosc-Aktivisten trugen am Samstag eine überlebensgroße Tusk-Figur durch die Stadt, die den Premier in Lenin-Pose zeigte. "Rede mit uns!" und "Komm von deinem hohen Ross herunter!", riefen die Arbeiter. Die Zeitung "Gazeta Wyborcza" kommentierte das Geschehen mit der Schlagzeile: "Die Gewerkschaften haben die Jagdsaison eröffnet."

Der Ministerpräsident zeigt sich vorerst allerdings unbeeindruckt und kompromisslos. Angesichts einer zunehmend schwierigen Haushaltslage könne er den Forderungen der Demonstranten nicht entgegenkommen, erklärt Tusk. Tatsächlich musste seine Regierung kürzlich die erste Stufe der Schuldenbremse aussetzen, weil die Steuereinnahmen eingebrochen sind. Um das Defizit zu begrenzen, ließ Finanzminister Jacek Rostowski private Rentenfonds teilverstaatlichen. Der Warschauer Politologe Kazimierz Kik urteilt: "Die PO regiert nur noch mit dem Verstand. Sie hat ihr Herz verloren." Das wiederum spielt der Opposition in die Hände. In jüngsten Umfragen ließ die nationalkonservative Partei PIS von Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski mit 43 Prozent die PO mit 32 Prozent deutlich hinter sich.