Schon die Titel der Vorträge im Cottbuser Dieselkraftwerk lassen aufhorchen. Über "Großbaustellen in Zeiten der Krise" wird da gesprochen, über Baustellen "zwischen Prestige und Protest" oder "Helden der Arbeit unter Tage". Klingt vertraut, beschreibt jedoch Vorgänge längst vergangener Zeiten.

Das Graduierten-Kolleg der BTU hat in Kooperation mit dem altertumswissenschaftlichen Exzellenzcluster Topoi der FU Berlin und der Humboldt-Universität Berlin eine dreitägige interdisziplinäre Veranstaltung organisiert, die sich mit Großbaustellen von der Antike bis zur Gegenwart befasst.

"Der Grund für die Themenwahl liegt auf der Hand", sagt Prof. Klaus Rheidt, Sprecher des Graduiertenkollegs der BTU und Initiator der Tagung. "Bei Projekten wie dem BER sind ja an sich Firmen beschäftigt, die ihr Handwerk verstehen. Warum also kann eine Baustelle trotzdem derart Probleme bereiten?"

Die Forscher belegen eindrucksvoll, wie sehr der Baustellenfortschritt abhängig ist von politischen Rahmenbedingungen, der Zustimmung der Bevölkerung und der Kontinuität der Planung. "Schon allein Umplanungen bringen mächtig Sand ins Getriebe", so Rheidt.

Der BTU-Professor verweist auf zwei Baustellen, die etwa zeitgleich begonnen wurden - und deren Fertigstellung mehr als 100 Jahre auseinanderliegt. St. Peter in Rom wurde zwischen 1506 und 1626 errichtet. Die ähnlich aufwendige Süleiman-Moschee in Istanbul wurde 1550 begonnen - und war bereits sieben Jahre später fertig.

Die Gründe für Verzögerungen sind vielschichtig. Unzureichende Koordinierung, zu hohe Kosten oder zu hohe politische Erwartungen hemmten große Vorhaben, Probleme in der Bauorganisation und der Kostenkalkulation warfen und werfen ein oft trübes Licht auf Großprojekte. Technische Innovationen und logistische Glanzleistungen, so die Forscher, träten dabei zu Unrecht in den Hintergrund. Beispiele für Verzögerungen und Probleme bei Großbauvorhaben von der Antike bis in die Neuzeit hinein sind zahlreich. Dennoch waren Bauprojekte auch Motoren des technischen und logistischen Fortschritts mit enormer politischer und symbolischer Bedeutung. Die mittelalterliche Burg diente der Untermauerung von Herrschaftsansprüchen, der Bau der Moskauer Metro sollte den Anspruch der Hauptstadt als Zen trum der Weltrevolution baulich verwirklichen.

Obwohl einleuchtend, gibt es zu diesen prägenden Projekten bisher kaum übergreifende und vergleichende Analysen, die ihre Geschichte und gesellschaftliche Bedeutung beleuchten. Das Kolloquium, das in Berlin und Cottbus abgehalten wurde, bildete den Versuch, diese Lücke zu schließen - mit zum Teil durchaus filmreifen Aspekten der Architekturgeschichte.

Klaus Rheidt etwa widmete seinen Vortrag der Kathedrale von Santiago de Compostela. Erbaut im 11. und 12. Jahrhundert nach Christi, lassen sich bis heute die Spuren einer durchaus dramatischen Entstehungsgeschichte ablesen: Machtkämpfe zwischen Bischof und Königin führten immer wieder zu Bauverzögerungen- und Beschleunigungen, Brände wurden gelegt, der Altarraum als Fluchtpunkt bei Aufständen der Bevölkerung genutzt, einmal musste der Bischof gar über die Dächer der halb fertigen Kathedrale vor seinen Verfolgern fliehen. Sieh an: Nicht nur der BER bietet Stoff für Zoff.