Wenn alljährlich im August die Invasion der Zuckertüten einsetzt, Mädchen und Jungen mit ernsten Mienen und eskortiert von stolzen Eltern das erste Mal zur Schule gehen, werden Erinnerungen an die eigene Kindheit wach. Und am Montag werden wieder 30 000 Mädchen und Jungen eingeschult.
Kästners Text ist nicht zuletzt eine Rede an die "Großen". Erst im Rückblick wird der Verlust der Kinderzeit spürbar und lässt Sehnsucht nach jenen Tagen aufkommen, als das Leben ohne Lehrer und Schulglocke noch grenzenlos schien. "Lasst Euch die Kindheit nicht austreiben!", ruft Kästner seinen Lesern zu.

Ungebremste Freude am Lernen
Auch Jahrzehnte später bleibt der Anfang vom Ernst des Lebens unvergessen. Die Größe der Zuckertüte war das Maß aller Dinge. Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD), Jahrgang 1957, erinnert sich, dass sie die kleinste Tüte von allen bekam. Die Freude am Lernen bremste das allerdings nicht. "Ich ging gern in die Schule, so dass ich morgens immer als erste da war und vor verschlossener Tür stand. Das ging so lange, bis sich der Hausmeister endlich erbarmte und mich morgens mit zum Frühstück nahm."
Antje Hermenau, Fraktionschefin der Grünen im Landtag von Sachsen, wurde 1971 ABC-Schützin. "Da ich nicht im Kindergarten war und oft alleine spielen musste, freute ich mich auf die vielen Kinder, die ich nun endlich täglich treffen sollte. Das hat sich dann zwar etwas relativiert - aber so ist das Leben." Auch die Frisur ihrer Lehrerin kann Hermenau nicht vergessen: schwarzer "Haarturm" Marke "Simpsons": "Das war damals schwer in Mode." Sie selbst trug zur Schuleinführung einen dunkelblauen Hosenanzug und fand sich total chic.

Familiäres Großereignis
Für den langjährigen Kultusminister und heutigen CDU-Fraktionschef Steffen Flath avancierte die Einschulung zum familiären Großereignis: "An diesem Tag lernte ich meine Großmutter kennen. Sie wohnte in Stuttgart und durfte zum ersten Mal nach Ostdeutschland. So bestand der Inhalt meiner Zuckertüte aus Westschokolade - was ein sehr großes Privileg war". Erst später in der Schule habe er gelernt, solche Westkontakte zu verschweigen. Flath trug im Alter von sechseinhalb Jahren das erste Mal einen Ranzen.
Linksfraktionschef André Hahn (45) war gleichfalls ein Frühstarter. Allerdings blieb der Termin zunächst umstritten. Bei der Vorschuluntersuchung hatten Ärzte den damals sechsjährigen Knaben als zu mickrig empfunden und eine Rückstellung empfohlen. Das wiederum passte Hahns Kindergärtnerinnen nicht, weil er schon damals agil war und ständig Fragen stellte. "Am Ende stand ein Kompromiss: Man beschloss, ich werde trotz der Bedenken eingeschult, solle aber zuvor noch drei Wochen aufgepäppelt werden."
Der aus Ostfriesland stammende Dresdner Zoodirektor Karl-Heinz Ukena (37) drückte schon im zarten Alter von 5 die Schulbank. Die Grundschule in Wiesmoor kam nur mit Mühe auf Klassenstärke, weshalb jedes Kind ersehnt war - aber auch hier nicht ohne "Besichtigung": "Ich bin dann als körperlich ausreichend befunden worden, so dass einer Aufnahme als Grundschüler nichts mehr im Wege stand. Zur Einschulung gab es in Niedersachsen leider immer nur eine Zuckertüte."