Sigmar Gabriel sieht keine Alternative. "Wir müssen den Mut aufbringen, dagegen vorzugehen. Sonst werden uns unsere Kinder und Enkel verfluchen." Deutschland sei Klimaschutzvorreiter. "Wir wollen bis 2020 die Emissionen um 40 Prozent reduzieren."

Das hat der Bundeswirtschaftsminister nicht 2014 gesagt, sondern im Dezember 2007, als Bundesumweltminister. Das Kabinett beschloss damals ein ehrgeiziges Aktionsprogramm, beim UN-Klimagipfel in Bali erntete Gabriel viel Beifall für das ambitionierte 40-Prozent-Ziel.

Untermalt wurde das von unvergessenen Bildern. Gabriel begleitete Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach Grönland, in roten Anoraks posierten sie vor schmelzenden, blauschimmernden Eisbergen. Gemeinsam wandten beide viel Kraft auf zur Bekämpfung des Menschheitsproblems.

Sieben Jahre später ist die Lage nicht besser geworden. Das Ziel einer Erderwärmung um maximal zwei Grad könnte deutlich verfehlt werden, genauso wie das deutsche Klimaschutzziel. Derzeit läuft es nur auf 33 bis 35 Prozent weniger Emissionen im Vergleich zu 1990 hinaus. Um es noch zu schaffen, müssen alte Kohlemeiler abgeschaltet werden, meinen die Grünen. Deutschland wird dieses Jahr (auch wegen Kraftwerksüberkapazitäten) so viel Strom exportieren wie nie zuvor.

SPD-Chef Gabriel will aber nicht staatlich intervenieren, er betont an die Adresse der Grünen: "Wir müssen endlich mal Schluss machen mit den Illusionen. Man kann nicht zeitgleich aus der Atomenergie und der Kohleverstromung aussteigen." Wer das wolle, sorge für explodierende Stromkosten, Versorgungsunsicherheit und die Abwanderung großer Teile der deutschen Industrie. Gabriel will die SPD als Industriepartei profilieren. Und Kanzlerin Merkel hält sich wie so oft bisher raus, für Umweltschützer ist sie schon lange "Klimakanzlerin a. D.".

2014 könnte das wärmste Jahr aller Zeiten werden - und die Welt in ein paar Jahrzehnten eine andere sein. Sicher: Man kann über das deutsche Ziel streiten, gerade in Zeiten konjunktureller Schwäche. Und: Das Abschalten von acht Atommeilern (eine PR-Kampagne nannte sie mal "Deutschlands ungeliebte Klimaschützer") und der Preisverfall im Handel mit Verschmutzungsrechten haben zur Kohlerenaissance geführt. Aber Merkel und Gabriel haben sich 2007 beim Klimaschutzziel weit aus dem Fenster gelehnt. "Der ehemalige Klimavorreiter stünde bis auf die Knochen blamiert da", warnt Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter.

Gabriels Parteifreundin, Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), feilt derzeit an einem Aktionsprogramm, um die Lücke zu schließen - und fordert eine Reduzierung der Kohlekraftwerkskapazitäten. Am 3. Dezember soll das Paket vom Kabinett beschlossen werden, ein paar Tage später reist Hendricks zum Klimagipfel nach Lima. Doch anders als Gabriel in Bali, könnte Hendricks eher Kritik als Lob hören.

Nun hat Deutschland wieder eine G7-Präsidentschaft inne, aber es werden auch in Regierungskreisen deutliche Zweifel laut, ob das Ziel noch zu schaffen ist. Der Chef der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, fragt bereits, ob es denn dramatisch sei, wenn die 40 Prozent erst bis 2025 erreicht würden. Doch wird die Energiewende weltweit zum Vorbild, wenn nicht nur die Kosten hoch sind, sondern auch die CO2-Emissionen zeitweise sogar ansteigen? Und wie will Europa bis 2015 einen ambitionierten Weltklimavertrag durchsetzen, wenn schon das führende Land selbst gesteckte Ziele kaum noch erreichen kann?

Wenn man so will, könnte der alte mit dem neuen Gabriel bei dieser Frage in Konflikt geraten. Er argumentiert hingegen, durch die Stilllegung deutscher Kohlekraftwerke würde in Europa nicht eine Tonne Kohlendioxid (CO2) eingespart, weil die dafür benötigten Verschmutzungsrechte dann zu einem anderen Kraftwerk wanderten. Deshalb müssten noch mehr Verschmutzungsrechte aus dem Markt genommen werden. Die Rechnung: Durch höhere Preise im EU-Emissionshandel würde der Kohleausstoß wieder verteuert und entsprechend zurückgefahren.

Aber: So eine Reform ist bisher nicht wirklich in Sicht. Hendricks droht eine Niederlage, bisher wagt sie noch nicht den Konflikt mit Gabriel. Die Grünen haben für Mittwoch eine Aktuelle Stunde im Bundestag beantragt. Der Titel: "Unterschiedliche Auffassungen in der Bundesregierung zur Abschaltung von Kohlekraftwerken und zum Erreichen der Klimaziele." Offiziell wird von Bundesumwelt- wie Bundeswirtschaftsministerium betont: Das 40-Prozent-Ziel bleibt.

SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi meint, das Ziel zu erreichen, werde weh tun, vor allem finanziell. "Es ist theoretisch erreichbar." Zuvor war Fahimi bei der IG BCE - die Gewerkschaft pocht auf den Erhalt von Kohlekraftwerken. IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis meint, er sei es leid, "wie Arbeitsplätze in unseren Industrien unnötig und aus politischer Verbohrtheit in Gefahr gebracht werden". Im "Spiegel" brachte nun auch er ein Verschieben des Klimaziels ins Spiel.