Normalerweise setzt Conny Stiehl, Chef der Polizeidirektion Görlitz, auf den Ehrgeiz seiner Beamten. "Wir versuchen immer, die Täter noch auf deutscher Seite festzunehmen, aber heute hoffe ich, dass das nicht gelingt", sagt er. Ursache des ungewöhnlichen Wunsches ist eine gemeinsame Übung der Polizeidirektionen Görlitz und Cottbus, zusammen mit Kollegen des polnischen Polizeikommandos Gorzów.

Getestet werden die Kommunikation und das praktische Zusammenspiel bei der Verfolgung von Kriminellen, die über die Grenze entkommen wollen. Die Beamten in der Region wissen, dass eine Übung läuft, kennen aber nicht das genaue vorbereitete Szenario. Von der Leitstelle in Görlitz aus wird der Einsatz gelenkt.

Dort gehen am Mittwochvormittag im Abstand von einer halben Stunde zwei Notrufe ein. Zunächst wird ein Überfall auf die Tankstelle in Schwarzkollm bei Hoyerswerda gemeldet. Die zwei maskierten "Täter", zwei sächsische Polizisten in Zivil, flüchten in einem grünen Opel Astra mit Görlitzer Kennzeichen. Über Funk wird Streifenwagen "Neiße 2501" sofort hinbeordert, um die Verfolgung aufzunehmen.

"Dranbleiben und regelmäßig Standort melden", lautet die Anweisung des Einsatzleiters an die Wagenbesatzung. Auf einer an die Wand projizierten Karte kann die Leitstelle den Weg der Flüchtenden genau verfolgen. Weitere Streifenwagen werden herangezogen. Als sich der Opel in Richtung Brandenburg bewegt, werden auch die Brandenburger Kollegen in Spremberg alarmiert.

Die "Tankstellenräuber" biegen hinter Spremberg wieder nach Sachsen ab und fahren hinter Bad Muskau in Richtung Grenzübergang Podrosche. Inzwischen sind auch die Polizisten auf polnischer Seite alarmiert.

Das passiert über ein gemeinsames Lagezentrum in Swiecko an der Autobahn bei Frankfurt (Oder). Dort sitzen Polizisten der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen sowie Bundespolizei und Zoll. "Im Lagesaal in Swiecko werden alle Polizeiaktivitäten zwischen Usedom und Zittau koordiniert", erklärt Thomas Knaup, Sprecher der Polizeidirektion Görlitz, den Zweck der Zentrale.

In der Görlitzer Leitstelle ist inzwischen ein zweiter Notruf eingegangen. In Reichenbach sei ein Audi gestohlen worden, der Richtung Görlitz fährt, so die Meldung. Auch hier spielen Polizisten in Zivil die Täter.

Sie lassen das Auto an der Stadtbrücke in Görlitz stehen und fliehen zu Fuß über die Neiße. Sächsische Polizisten sprinten ihnen hinterher, überwältigen sie kurz hinter der Brücke und übergeben sie an polnische Kollegen.

Für die "Tankstellenräuber" von Schwarzkollm endet die Flucht nach kurzer Zeit. An derGrenzbrücke zwischen Podrosche und Przewóz hat der grüne Opel nicht nur deutsche, sondern auch polnische Streifenwagen hinter sich. Kurz hinter Przewóz wird der Wagen auf einem Kiesplatz gestoppt, die Insassen festgenommen.

Zwei Stunden später wird diese "Nacheile" auf das Territorium des Nachbarlandes, die am Vormittag noch geübt wurde, für die Görlitzer Polizei schon wieder Realität. Zusammen mit Bundespolizisten verfolgen sie ein Auto mit zwei mutmaßlichen polnischen Ladendieben. Die Männer sind bereits als Diebe bekannt und fallen erneut in einem Görlitzer Baumarkt auf. Einer Kontrolle durch die Polizei entziehen sie sich durch einen Tritt auf das Gaspedal.

Auf der Flucht über die Grenze in Richtung Bunzlau werfen die Männer Diebesgut für rund 1600 Euro aus dem Fenster. Nach etwa 30 Kilometern Verfolgung auf polnischer Seite können die deutschen Beamten das Diebespaar stoppen. Die Männer werden der polnischen Polizei übergeben .

"Es geschieht schon sehr häufig, dass es bei der Verfolgung von Verdächtigen über die Grenze geht, und das in beide Richtungen", schätzt Polizeisprecher Thomas Knaup ein. Wie erfolgreich die gemeinsame Übung war, wird eine Auswertung in den kommenden Tagen zeigen. Besser machen könne man immer etwas, sagt Knaup. Erste Anhaltspunkte dafür habe die Übung schon heute geliefert.

Zum Thema:
Ein 2014 unterzeichneter deutsch-polnischer Polizeivertrag wird voraussichtlich noch vor der Sommerpause des Bundestages ratifiziert. Zurzeit wird das Papier in den Fachausschüssen beraten. Polen hat die Ratifizierung schon vollzogen. Der Vertrag regelt rechtsverbindlich das Tätigwerden auf dem Hoheitsgebiet des jeweils anderen Staates. Der Vertrag löst viele Einzelbestimmungen ab und gibt den Beamten mehr Befugnisse.Bei gemeinsamen Streifen unter Führung des Beamten des Staates, in dem sich die Streife befindet, darf auch der andere Polizist dort künftig Personen kontrollieren und vorläufig festnehmen. Gemeinsame Fahndungsgruppen brauchen keine besondere Genehmigung mehr.