Fast ein Jahr nach dem Einsatz in der Senftenberger Schulstraße ist dem 57-jährigen Polizeibeamten als Zeugen vor dem Landgericht Cottbus noch anzumerken, wie sehr ihn die Ereignisse mitgenommen haben. "Mir ist damals so viel durch den Kopf geschossen", sagt er, um zu erklären, warum er sich an viele Details nicht mehr genau erinnern kann.

Zusammen mit einem jüngeren Kollegen waren sie die ersten Polizisten, die am späten Nachmittag des ersten Freitags im Januar in der Wohnung des Opfers eintrafen. Das grausige Bild, das sich ihnen dort in der Parterrewohnung der 70-Jährigen bot, wird nachvollziehbar, als einige Tatortfotos im Gerichtssaal gezeigt werden.

Darauf liegt die Frau in ihrem Wohnzimmer bäuchlings vor ihrem Sofa. Der Boden ist mit Sachen bedeckt, die offensichtlich aus den Schränken gerissen wurden. Die Hände der Seniorin sind deutlich sichtbar mit Kabelbindern auf dem Rücken stramm zusammengebunden. Blut oder Verletzungen der Frau, von der nur der Hinterkopf zu sehen ist, sind nicht zu erkennen.

Fast zeitgleich mit dem von einer Nachbarin gerufenen Streifenwagen sei der Notarzt eingetroffen, erzählt der Polizist vor Gericht: "Der Arzt hat dann versucht, die Frau vorsichtig auf die Seite zu drehen." Dabei sei der Kopf auf dem Boden liegen geblieben und eine klaffende Wunde am Hals sichtbar geworden. "Wir waren völlig schockiert, als der Kopf sich nicht mitbewegte", erinnert sich der Beamte.

Die Staatsanwaltschaft Cottbus sieht in dem angeklagten Marcel V. aus Schwarzheide den Mörder der Rentnerin. Um einen Raub zu vertuschen, habe er der Seniorin, die er kannte, brutal die Kehle durchgeschnitten, so die Anklage. Der 30-Jährige schweigt bisher vor Gericht.

Über seine beiden Verteidiger ließ er vor einer Woche beim Prozessauftakt verkünden, er sei unschuldig. Die beiden Berliner Rechtsanwälte stellen am Donnerstag den ersten Zeugen in diesem Indizienprozess auch prompt viele Detailfragen.

Von den beiden Polizisten wollen sie zum Beispiel wissen, ob sie ausprobiert hätten, ob die Klingel an der Wohnung der Toten funktionierte. Sie verneinen das. Die Staatsanwaltschaft geht laut Anklage davon aus, dass die ahnungslose Rentnerin, die außerhalb ihrer Wohnung auf einen Rollator angewiesen war, ihrem Mörder selbst auf ein Klingeln hin die Tür geöffnet hat.

Viele Fragen haben die Verteidiger an die beiden Beamten auch zu der Nachbarin der Toten und deren Ehemann. Die Nachbarin hatte einen Schlüssel zur Wohnung der Toten. Am Vormittag hatte sie die Rentnerin noch mit ihrem Rollator einkaufen gehen gesehen. Als sie dann nicht, wie üblich um die Mittagszeit, die gelesene Zeitung zur Nachbarin brachte, schaute die in der Wohnung nach, fand die Tote und alarmierte die Polizei.

Beide Polizisten bestätigten auf Nachfrage, dass in der Küche der Nachbarn ein Messer in einer Dose steckte, am Griff ein rötlicher Fleck. Die Tatwaffe, mit der die Senftenbergerin umgebracht wurde, soll nie gefunden worden sein.

Die Verteidiger des Angeklagten fragten die Beamten auch danach, wie sie den körperlichen Zustand des Nachbarn einschätzten. Der schwer kranke Mann war auf zusätzlichen Sauerstoff aus einer Gasflasche angewiesen. Den Sauerstoffschlauch habe er nur kurzzeitig abgelegt, so einer der Beamten.

Als seine Frau auf die Wache gebracht wurde, um ihre Aussage aufzunehmen, habe er sich darüber erregt, schildern die Polizisten. Sie hätten ihn beruhigen müssen. Einbruchsspuren an der Wohnungstür des Opfers, so beide Beamte, hätten sie nicht bemerkt.

Der Notarzt, der mit dem Rettungshubschrauber unmittelbar nach den beiden Polizisten am Tatort angekommen war, macht als Zeuge vor Gericht deutlich, dass jede medizinische Hilfe für das Opfer bei seinem Eintreffen zu spät kam. An der Frau sei bereits die beginnende Leichenstarre festzustellen gewesen. Auf dem Totenschein habe er als geschätzte Todeszeit 12 Uhr vermerkt.

Verteidiger Sven Lindemann hakt da sofort ein und fragt den Arzt, wie er diese Uhrzeit ermittelt habe und wie genau diese Angabe sei. Der Arzt erklärt, dass das nur sehr grob geschätzt sei, er aber einen mutmaßlichen Todeszeitpunkt auf dem Totenschein vermerken müsse. Er habe die Tote nicht weiter untersucht, sondern nach dem versuchten Umdrehen sofort wieder abgelegt. In Erinnerung sei ihm noch, dass es in dem Zimmer sehr warm gewesen sei.

Der Gerichtsmediziner, der als Sachverständiger am Prozess teilnimmt, fragt den Notarzt, an welchen Körperteilen er denn die beginnende Leichenstarre festgestellt habe. Als der antwortet, nur an den Armen, gibt ihm der Gerichtsmediziner einen Rat. Beim nächsten derartigen Fall solle er doch bitte nur die Auffindezeit der Leiche vermerken. Das reiche völlig aus.

Der Prozess wird kommenden Donnerstag fortgesetzt.