Schriftpsychologin Irene Altmann (66) nimmt die Bretter, die die Welt bedeuten, unter die Lupe.
Sie ist klein, aber sehr fein, die Weinbar "1770" im Leipziger Fünf-Sterne-Hotel Fürstenhof. Keineswegs abgeschottet, sondern im Erdgeschoss mit Blick auf die City gelegen, feiern dort Prominente aus aller Welt oft bis spät in die Nacht. Die Beweise hängen über dem Eingang der Bar. Denn wenn die Stimmung am ausgelassensten ist, beginnt eine besondere Zeremonie: Stars hinterlassen auf Champagnerkisten-Bretter eine persönliche Note: ihre Unterschrift, eine Strichzeichnung oder ein paar Worte. Die Wand ist inzwischen eine Galerie der Weltstars. Udo Lindenberg begann 2002 während eines feucht-fröhlichen Abends den Chor der Chronisten anzustimmen, indem er auf dem Holzdeckel einer Champagnerkiste ein Selbstporträt malte und es signierte. Viele Weltstars, wie Harry Belafonte, Placido Domingo, Sir Peter Ustinov und José Carreras gesellten sich dazu. Aus dem deutschen Showgeschäft verewigten sich u. a. Wolfgang Lippert, Nina Hagen, Heide Keller und Yvonne Catterfeld. Politiker, wie Angela Merkel, Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher, gaben ihre Stimme als Autogramm ab.

Aufsatz zu Merkel/Schröder
Jedes steht für sich. Die Leipziger Graphologin Irene Altmann, die gerade einen Aufsatz über die Unterschiede der Schriftbilder von Angela Merkel und Gerhard Schröder verfasst, sah sich im Fürstenhof die Unterschriften der Stars und Sternchen genauer an und analysiert sie. Zum Beispiel die von Schauspielerin Uschi Glas: "Der Vorname, der stets fürs Private steht, ist natürlich geschrieben, so wie sie sich auch gibt", erläutert sie. "Der Nachname steht für den Beruf, für die Öffentlichkeit. Das sehr große G am Anfang, verbunden mit einem verschlungenen a symbolisiert eine große Geste, ihre Darstellungskunst, verbunden mit einem starken Schutzbedürfnis im seelischen Bereich."
Sehr große Anfangsbuchstaben beim Vor- und Zunamen findet man beim Sänger Ivan Rebroff. "Sie signalisieren: Ob auf der Bühne oder auf dem Papier - Selbstdarstellung gehört zu seinem Geschäft", weiß Irene Altmann. Eine weniger stabile Persönlichkeit lässt dagegen das Autogramm Mick Jaggers von den Rolling Stones erkennen. "Er streicht seinen Vornamen sogar durch. Das bedeutet, dass er Teile seiner Kindheit verdrängt, sich privat für unzulänglich hält. Beruflich jedoch fühlt er sich als Herrscher über die Musik, was man am mächtigen J des Nachnamens erkennt." Schauspielerin Jodie Foster lenkt die Aufmerksamkeit mit zwei Kreuzen auf ihren Nachnamen. "Das verweist darauf, dass zwei sich widerstrebende Kräfte, wie beispielsweise Verstand und Gefühl aufeinander treffen", interpretiert die gepr* amp*uuml;fte Graphologin. "In der Unterschrift offenbart sich der Mensch so, wie er gern sein möchte", fasst sie zusammen.

Grönemeyer: "Bleib Mensch"
Aber auch das gibt es an der Wand der Prominenten: Die Unterschrift unterscheidet sich nicht von der Textschrift. "Das steht für Bescheidenheit und Mut zur Ehrlichkeit", erzählt die Schriftpsychologin und nennt als Beispiele Frank Schöbel und Günther Jauch, die jeweils noch einen herzlichen Gruß dazu schrieben. Die wohl schönste und treffendste Bemerkung vor seinem Namen aber machte Herbert Grönemeyer: "Bleib Mensch", gibt er mit auf den Weg und aufs Holz.