Konturen werden sichtbar: Der Elfjährige fertigt einen Teelichthalter. Stolz zeigt er seine erste Steinmetzarbeit dem großen Bruder. Ort des Geschehens ist die älteste deutsche Steinmetzschule. Ein Schaunachmittag hat viel Publikum angelockt. Das Haus verrät schon an der Fassade, was den Ort unverwechselbar macht: seine Granittradition. Die lässt sich auch an beiden Dorfkirchen, vielen Hauswänden, Mauern, Plätzen und Gärten ablesen. Schon 1848 eröffnete der erste Steinbruch. Man benötigte den Granit für den gewaltigen Viadukt, der mit elf Bögen bis heute das Dorf überspannt. Lange kann Hans-Jörg Nadolny erzählen, wie die Bauern im Ort einst nach der Ernte noch "in die Steine gingen": Sie bearbeiten Findlinge zu Traufsteinen, Brunnen oder Türgewänden. Der Vizebürgermeister lehnt an einer großen Granittafel, die noch nicht lange das neue Image der 3000-Seelen-Gemeinde postuliert: "Demitz-Thumitz - Das Granitdorf". Eine Steintreppe dahinter führt hinauf zur Schule, lange Nadolnys Reich. Auch er hatte Steinsetzer gelernt, dann wurde er Lehrer. Vom Stein kam er damit nicht los: Manches Jahr ging jeder zweite Absolvent "in den Granit".Brotgestein verschwundenDoch nach 1990 kam die Granitindustrie fast völlig zum Erliegen. So verschwand das einstige Brotgestein auch aus den Köpfen. Die Brüche liefen mit Wasser zu, Zufahrtswege und Schienen überwucherten. Die Kinder fahren nun nach Bautzen oder Dresden zur Arbeit. Da flatterte Bürgermeisterin Gisela Pallas eine Ausschreibung auf den Tisch: Sachsen suchte Kandidaten für Themendörfer. Man will mehr Touristen aufs Land locken, so sollten die Orte genauer hinsehen, wo bei in ihnen Einzigartiges in Sachen Handwerk, Geschichte und Kultur schlummert. Das gefiel ihr. Sie besuchte Vereine, befragte ältere Einwohner - und ärgerte sich: Vieles aus dem europaweit einzigartigen Natursteinerbe ruhte bereits im Museum des Nachbarortes Schmölln. "Unsere Granitschädel hier hatten sich zu wenig darum gekümmert", schimpft sie. Sie horchte sich auswärts um und stieß auf das 90-Seelen-Nest Armschlag im österreichischen Waldviertel. Das liegt weitab großer Feriengebiete und zieht doch jährlich 60 000 Gäste an. Denn anfangs belächelt, fokussierten die Bewohner auf der Suche nach ihren Wurzeln und dem darin liegenden Potenzial bald ihre ganze Außendarstellung auf den Mohn. Gute Zutaten gefundenGisela Pallas fuhr hin und sah: Nicht nur der Dorfladen bietet klassische Mohnpräparate sowie Textilien, Accessoires und Kosmetik im Mohndesign an. Sie erfuhr auch, dass Mo(h)na Lisa hier skizziert wurde und die Mo(h)n roe höchstselbst Armschlag beehrte. Es gibt Mohnfeste und vieles mehr. Und sie erfuhr noch ein paar Zutaten für ein gutes Themendorf: "Authentische, engagierte, begeisterte Bürger, Gastwirte und Unternehmer, viel Geduld, eine spinnerte Idee und der überzeugende Verkauf einer Illusion." Wieder daheim lud sie zur großen Dorfversammlung - und war baff: Der Raum platzte fast aus den Nähten. Schnell kamen dann auch Dutzende Ideen zusammen. Besucher sollen in Demitz-Thumitz etwa selbst mal Knüpfel und Eisen schwingen, beim Schmieden von Steinbrecherwerkzeugen zuschauen, sich bei Granitfesten an "steinmetzstarken Spielen" beteiligen oder Mitbringsel in Granit erwerben. Die alte Grubenbahn könnte sie über eine handwerkliche Themenstraße zum Klosterbruch rollen, der eine spektakuläre Kulisse für Konzerte, Pleinairs böte - oder auch für heimelige "Granitweihnachten". Auch ein "Erlebnisland Stein", eine Fachbibliothek, ein Kletterturm oder Steinbrecherschaupfade sind angedacht. Indes wolle man kein Museumsdorf konservieren, sondern zeigen, wie man mit dem Granit und seinem Erbe lebt, betont Projektmanagerin Hilke Domsch.