Der 18-jährige junge Mann aus Weißwasser ist sichtlich erschrocken als Anfang August die Polizei bei ihm klingelt. Noch ist nämlich die Farbe seiner sinnlosen Graffiti nicht trocken, da ist er schon überführt. Zeugen hatten den Sprayer beobachtet und die Polizei alarmiert.
An 21 Stellen in der Stadt Weißwasser sind seine schwarzen und silbernen Schmierereien sichtbar. Graffiti ohne Sinn und Verstand finden sich auf Fensterscheiben, Türen, Wänden, Wegen und Straßen. Der Täter gesteht sofort. Warum er die Graffiti sprühte, will er nicht erklären können. „Ich war total betrunken“ , hören die Polizisten.
Ortswechsel. Tagelang putzen Eisenbahner in der Werkstatt der Deutschen Bahn Regio AG in Cottbus einen Doppelstockzug, den Sprayer in Wismar von oben bis unten verunzierten. In diesem Fall sind die Täter noch nicht ermittelt. Die Bundespolizei sucht nach ihnen.

Spur durch Lübbenau
Meldungen wie diese häufen sich. Vor zwei Wochen haben Unbekannte eine Graffiti-Spur durch die Altstadt von Lübbenau bis hin zum Spreewaldhafen gezogen. Die Beseitigung der Schandflecken ist aufwendig und teuer. „Sofern es sich um städtische Gebäude handelt, greift der Bauhof sofort ein, damit die Schmierereien schnell verschwinden“ , erklärt der Lübbenauer Ordnungsamtsleiter Olaf Pietsch. Wie hoch der jährliche Schaden insgesamt ist, kann er nicht sagen. Schließlich seien auch viele private Besitzer von Häusern und Geschäften betroffen. Die Kosten lassen sich jedoch erahnen. Allein die Wohnungsbaugesellschaft im Spreewald musste nach Angaben von Geschäftsführer Michael Jakob im vergangenen Jahr 5200 Euro für die Beseitigung der meist undefinierbaren Farbzeichen aufbringen. „Für dieses Geld könnte gut und gern ein Treppenhaus in einem Fünfgeschosser gemalert werden“ , sagt Jakob.
Nach Erkenntnissen der Polizei gibt es in der Lausitz und der Elbe-Elster-Region zwar keine feste Graffiti-Szene mehr wie noch vor Jahren. Dafür nimmt die Zahl der Einzeltäter und der von ihnen verursachten Sachbeschädigungen zu. Uwe Horbaschk, Sprecher der Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien: „Die Täter wechseln oft. Mit Logos, Schriftzügen und Abbildungen wollen sie unterschiedliche Gruppen bekannt machen.“ Vor allem in den Zentren der Städte Weißwasser und Hoyerswerda seien die Sprayer aktiv. In Hoyerswerda gab es im ersten Halbjahr 2006 bereits 58 Anzeigen. Im Vergleichszeitraum 2005 waren es 38. In Weißwasser sieht es ähnlich aus. Die ermittelten Täter waren meist zwischen 15 und 17 Jahre alt.

Sprayer-Hochburg Cottbus
Sprayer-Hochburg in der Lausitz ist die 100 000-Einwohner-Stadt Cottbus. Seit dem Jahr 2002 nehmen nach Angaben von Polizeisprecher Berndt Fleischer die Straftaten zu. Im vergangenen Jahr gab es 627 groß- und kleinflächige Schmierereien. 2002 waren es 487. „Die Täter haben es oft auf neu gestaltete Fassaden abgesehen“ , sagt Fleischer.
Zwischen 22 Uhr und fünf Uhr setzen die überwiegend jugendlichen Täter ihre „tags“ , also Losungen und Identifikationssymbole, mit denen sie unter Gleichaltrigen berühmt werden wollen, analysiert der Cottbuser Polizeisprecher. Fleischer spricht von einer hohen Dunkelziffer, weil nicht alle Verunzierungen bei der Polizei gemeldet werden.
Christine Karge vom Polizeischutzbereich Oberspreewald-Lausitz appelliert in diesem Zusammenhang an die Bürger, die Augen offen zu halten. „Wir können als Polizei nicht überall sein und sind für jeden Hinweis dankbar“ , so Karge. Zwischen 250 und 300 Straftaten müssen die Ermittler Jahr für Jahr im Raum Senftenberg, Großräschen, Lauchhammer oder Ruhland bearbeiten. Die Polizei geht im Oberspreewald-Lausitz-Kreis von einem jährlichen Schaden von 100 000 Euro aus. Langeweile, Nervenkitzel und Frustration nennt Karge als Motive der Täter.

Schulen beliebte Angriffsflächen
Von „hässlichen Graffiti, Buchstabenfolgen ohne Sinn und Verstand, diffusen Abbildungen“ , spricht Silke Woithe vom Polizeischutzbereich Elbe-Elster in Finsterwalde im Zusammenhang mit Graffiti-Straftaten. Jugendliche aus der linken Szene würden sich an besonders großen Schmierereien ergötzen. Häuser, Schulen, Supermärkte seien beliebte Angriffsflächen.
Die Zunahme der Graffiti-Straftaten zwischen Neiße, Spree, Schwarzer Elster und Elbe widerspiegelt die Lage im ganzen Land Brandenburg. Allein im vergangenen Jahr registrierte die Polizei in der Mark 7725 Delikte. 2002 waren es laut Potsdamer Innenministerium 4058.
Der Städte- und Gemeindebund spricht von alljährlich mehrstelligen Millionenschäden. "Für die Kommunen sind diese Straftaten ein großes Problem - neben dem materiellen Schaden sind sie ein Ärgernis im städtebaulichen Erscheinungsbild", beklagt Geschäftsführer Karl-Ludwig Böttcher. So gebe es kaum ein saniertes Haus, das nicht schnell wieder beschmiert sei. "Entscheidend für den Erfolg gegen die Graffiti-Täter ist nicht zuletzt die schnelle Reaktion der Geschädigten. Mit einer sofortigen Entfernung von Graffiti-Schmierereien wird den illegalen Sprayern ein Teil ihrer Tatmotivation genommen", betont Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU). Kaum Erfolge gibt es bislang laut Böttcher damit, dass Kommunen im Land öffentliche Flächen für spraywütige Jugendliche freigeben. „Das wird nur selten angenommen.“
Nach Angaben des Innenministeriums ist bei Graffiti-Delikten von einem durchschnittlichen Sachschaden von 500 bis 700 Euro pro Straftat auszugehen. Im vergangenen Jahr ermittelte die Polizei 1366 fast ausschließlich männliche und überwiegend jugendliche Tatverdächtige.

Der Kick zählt
"Hier ist vor allem das häusliche Umfeld gefragt, Jugendlichen eine vernünftige Freizeitbeschäftigung zu geben", meint Böttcher. Auch müssten gerade Eltern die Augen offen- halten: "So wie die Schmierereien oft aussehen, sind die Täter bestimmt nicht nur mit einer Farbdose losgezogen - das muss Erziehungsberechtigten doch auffallen." Die meisten illegalen Sprayer sind laut Ministerium zwischen 14 und 20 Jahre alt. Und wer kein Geld hat, um sich Dosen zu beschaffen, schrecke auch vor Einbrüchen und Diebstählen nicht zurück.