Irgendetwas, so erzählt der 38-Jährige, war in den Jahren und Jahrzehnten am Schloss oder den Nebengebäuden immer nicht in Ordnung. Mal war das Renaissance-Schloss nur noch eine Ruine, mal der Marstall baufällig oder die Orangerie unansehnlich. Nun ist die Orangerie am vergangenen Sonnabend als „Denkmal des Monats“ geehrt worden. Und wenn am heutigen Montag der Marstall als neue Herberge eröffnet wird, dann strahlen das hoffentlich schöne Wetter, die gräfliche Familie und das frisch herausgeputzte Haus um die Wette.

Da gibt es den „Pferdestall“ als Appartement, ein Kinderzimmer mit Baumhaus, einen Kleiderschrank in einem alten Kamin – insgesamt sind es drei Appartements, sechs Suiten sowie elf Doppelzimmer. „Was wir bieten, ist Fläche, und Fläche ist Luxus“, sagt der Graf über die bis zu 90 Quadratmeter umfassenden Appartements mit modernster Ausstattung einschließlich Internet-TV, aber historischem Charme. „Wir haben uns beim Bau dem Gebäude angepasst.“ Dabei entstehen ein barrierefreies Erdgeschoss, eine Etage mit barocken Elementen und eine „eigene Welt im Dach“ für die „Sternengucker“. Alle Räume sind individuell gestaltet, jeder nach Ideen von Beatrix Gräfin zu Lynar, die erst den Stoff für die Vorhänge wählt und danach den Zimmern ihre Gesichter gibt. Dafür hat die Gräfin, Rochus' Mutter, in Paris und Portugal nach Passendem gesucht, mal den Stoff, mal Fliesen, mal einen Möbelbauer.

Mit dem neuen Marstall sollen vor allem Urlauber angelockt werden, die länger als die derzeit üblichen durchschnittlich zwei bis drei Tage in Lübbenau bleiben. Die ersten Buchungen liegen für das Himmelfahrts-Wochenende und darüber hinaus vor.

Vielleicht trägt das neue Schmuckstück auch zur weiteren Aussöhnung zwischen einigen Lübbenauern und den Schlossherren bei. Guido Graf zu Lynar, Rochus' Vater, und Alt-Bürgermeister Wolfgang Seeliger (parteilos) reichten sich jüngst die Hand, als Seeliger Ehrenbürger der Spreewaldstadt wurde. Beide „verband“ lange Zeit eine deutliche Distanz.

Seit Jahren – abnehmend zwar, aber spürbar vorhanden – sieht sich die gräfliche Familie teils ehrverletzenden Bemerkungen ausgesetzt, abfälligen Handbewegungen, die immer mal wieder hervorgezerrt werden aus dem Repertoire des Neides. Die „Millionäre vom Schloss“, die „reichen Wessis, die hier allen alles wegnehmen“, die „überkandidelten Grafen“ oder „Grafen-Schand“, Adel eben und Grundbesitz-Diebe, die die Stadt in der Hand hätten. „Absahner“ war nur der jüngste Vorwurf – Frust, Angst, Skepsis, Unwissenheit werden in Worte, in Unsinn verpackt: Graf Rochus mag darüber nicht mehr reden, weil er dann auch sehr laut und sehr bestimmt werden kann. Nur so viel sagt er: „Da ist eine dicke Narbe.“

Die schlimmste Verletzung, die zu dieser Narbe führte, liegt jetzt fünf Jahre zurück, aber sie schmerzt tief drinnen. Der Graf dreht an einem Ring am Finger, nimmt ihn ab, schiebt ihn wieder auf. In solchen Momenten geht es um einen Lynarschen Straßennamen in der Stadt. Da sind die gräfliche Familie und Lübbenau geschiedene Leute. Heute ist die Ehrung für Wilhelm Friedrich Graf zu Lynar, einen der Verschwörer des 20. Juli gegen Hitler, per Straßenname ein väterliches Tabu. Einige Lübbenauer seien 2004/05 aus kleinlichen Überlegungen heraus gegen eine Umbenennung der Poststraße, vormals Thälmannstraße, vorgegangen; mehrere Abgeordnete revidierten im März 2005 einen bereits gefassten Beschluss, die große Verbindung zwischen Bahnhof und Altstadt nach Wilhelm Graf zu Lynar zu benennen. Kosten spielten da eine Rolle, aber auch verschiedene Ansichten darüber, wessen Widerstand gegen Hitler wie gewürdigt werden müsse.

Die damaligen Differenzen waren kein Lübbenauer oder Lynarscher Sonderfall, sagt Helmut Wenzel (parteilos), Bürgermeister Lübbenaus seit Mai 2000. Doch im Gegensatz zu so manchem Raubritter jener Zeit sei schnell erkennbar gewesen, „dass die Familie aus ihrer Tradition heraus“ anders mit ihrem wieder gewonnenen Besitz umgeht. „Da ist Verantwortung übernommen, da sind Lebenspläne verändert worden.“ Wenzel sagt das mit großer Anerkennung in der Stimme, weil seine Stadt seit fast 20 Jahren von „diesem Pioniergeist“ profitiert. Die Sanierung eines Denkmalensembles mit moderner Nutzung, dazu ein Ausbildungsbetrieb und Arbeitgeber, das gesellschaftliche Engagement der Familie – das Schloss ist nicht nur wegen seiner Vier-Sterne-Hotellerie erstes Haus am Platz. Daher sei es bedauerlich, dass der Familie mit der „unsäglichen Diskussion“ um die Straßenbenennung „großes Unrecht angetan wurde, vielleicht nicht beabsichtigt, aber mehr als unglücklich“. Wenzel, damals Fürsprecher einer Lynar-Straße: „Umso mutiger und überzeugender ist die Leistung der Familie in und für Lübbenau.“

Heute sollen die alten Geschichten ruhen; die Familie konzentriert sich auf ihre Unternehmungen, den Wirtschaftsbetrieb, gespeist noch aus Ländereien, die die Grafen nach der Wende zurückerhielten. „Es hat Wessis gegeben, die Land abgegriffen haben, ja“, sagt der Graf. „Aber wir haben jetzt 18 Jahre gezeigt, dass wir nichts Böses tun.“ Kein Lübbenauer, der nicht schon mal Lynar'sches Land betreten hätte: Es ist öffentlich, wo es geht. Somit stoßen immer wieder Pläne der Stadt oder von Investoren auf Lynars. Kompromisse sind immer ein Geben und Nehmen, sagt Graf Rochus. „Wir haben die Stadt nicht in der Hand, auch wir können keinen Baum fällen ohne die entsprechende Genehmigung.“

Mit der Eröffnung des Marstalls hat die Grafen-Familie zu Lynar ein „i“ ins Schlossensemble gesetzt. Der Punkt drauf aber soll noch folgen: ein Familien-Museum. Dafür wird die ehemalige Kanzlei hergerichtet. „Das wird die Krönung. Außen ist die schon hübsch, innen aber noch eine Brache“, sagt Graf Rochus. Die Geschichte der Familie von den Anfängen in Lübbenau bis in die Gegenwart werde dokumentiert. Ein Historiker arbeitet bereits daran. 2013 könnte das Museum fertig sein. Doch auch hier bleibt Graf Rochus vorsichtig: „Das Museum wird viel Geld kosten und keinen Umsatz bringen.“

Weitere Ideen haben den engsten Familienrat bereits passiert, sind „gefiltert“, als tragfähig befunden. Eine Stiftung ist geplant, für soziale Zwecke, sagt Graf Rochus. Aber erst, „wenn alles sattelfest ist“. Das Schlossensemble soll jetzt Geld verdienen, nachdem die Investitionen 16 Jahre lang aus dem Familienbesitz subventioniert worden sind. Der neue Marstall soll diese Hoch-Zeit sichern.

Rochus Graf zu Lynar sagt, er fühle sich jetzt zumindest „angekommener“ in Lübbenau, im Spreewald, der Region seines Vaters, dessen Heimat Seese einst der Braunkohle zum Opfer fiel. Demnächst werde er länger in Deutschland leben als in Portugal, wo der Vater für einen Chemiekonzern arbeitete und wo Rochus aufwuchs. „Da, wo einer seine Jugend verbracht hat, da bleibt das Herz hängen, das ist Heimat, Herzensheimat.“ Das aber spreche nicht gegen den Spreewald.

Nein, für seine Wünsche brauche er keine Superlative, sagt der Schlossherr dann. Es soll weitergehen, das Schloss, ein Vier-Sterne-Haus, müsse nun der Qualität wegen nachziehen. Es wird weiter investiert werden in Details, die nach Lynarscher Philosophie bis in die Umkleideräume für die Mitarbeiter stimmen müssen. Details können perfektioniert werden, sei es in der Küche, sei es ein neuer Standort für die Lobby-Bar. Das Schloss bleibe der Ort für Tagungen und die Hochzeiten.

Wünsche? Die Stichworte Erziehung und Vorbild führen Rochus Graf zu Lynar zur Bescheidenheit. Seine Kinder sollen auch im Spreewald aufwachsen, sich heimisch fühlen. „Sie sollen Teil des Ganzen sein, ohne dafür angegriffen zu werden, dass sie Grafen sind.“